bedeckt München

Die Grünen im Umfragehoch:So viele Widersprüche

Und die Schwäche? Die Grünen, deren größtes Verdienst darin besteht, dass sie mit der Ökologie eines ihrer Gründungsthemen zum gesellschaftlichen Allgemeingut durchgekämpft haben, leisten heute einer politischen Beliebigkeit Vorschub. Die Grünen sind derzeit eine Partei, in der gegensätzliche Positionen gefahrlos eine gemeinsame Heimat haben, solange sie sich nicht beweisen müssen. Sie leben im Sowohl-als-Auch und können froh sein, dass sie sich meistens noch nicht entscheiden müssen. Nicht nur in der Frage von Koalitionen sind die Grünen differenziert bis an die Grenze der Gleichgültigkeit. Nur die Inhalte einer Regierung müssten stimmen, sagen sie vorher. Aber sie bleiben, zum Beispiel in Hamburg, auch hinterher, selbst wenn der einzige verbliebene grüne Inhalt von den Bürgern wegentschieden wurde.

Ein alter Rechthaber

Nun waren die Grünen immer eine Partei des Widerspruchs. Und das in vielfacher Hinsicht. Sie formierten sich in Opposition zu Gesellschaft und Politik. Und das nicht nur im Westen, sondern im Bündnis-90-Teil auch im Osten. Zugleich gehörte zu ihrer Identität von Beginn an auch der innere Widerspruch, der sie gebremst, aber auch angetrieben hat. Die Grünen waren zudem antiautoritär und unterwarfen sich doch über viele Jahre dem Regiment nur einer Person. Es hat nie einen stärkeren Parteichef gegeben als Joschka Fischer, auch wenn er nie Parteichef gewesen ist.

Fischer war übrigens in seiner Zeit als Außenminister überzeugt, dass noch mehr Menschen ihn wählen würden, wenn nur seine Partei nicht wäre. Richtig ist, dass immer mehr Menschen die Grünen wählen, seit Fischer weg ist, was nicht wirklich an ihm liegt, dem alten Rechthaber aber trotzdem recht geschieht. Freilich ist es auch erstaunlich, dass noch immer altbekannte Gesichter die Partei- und Fraktionsspitze dominieren. Der Quell der Popularität einer Renate Künast in Berlin kann außer mit schwächelnden Gegnern eigentlich nur mit Nostalgie erklärt werden.

Die interne Widersprüchlichkeit der Grünen hat heute nicht mehr die Härte der Auseinandersetzungen zwischen Fundis und Realos von einst. Sie zeigt sich eher in Unterschieden zwischen mehr oder weniger Staatsgläubigkeit, zwischen Wirtschafts- und Sozialpolitikern, oder in der Außenpolitik beim Einsatz der Bundeswehr. In dieser Widersprüchlichkeit lässt sich gut leben, solange man nicht in der Verantwortung steht.

Widersprüchliches Milieu

Das aber ist auch das Problem. Es ist ja kein Wunder, dass den Grünen vor allem in einem Milieu viel Sympathie begegnet, das in sich so widersprüchlich ist wie die Partei selbst: etabliert und doch progressiv; ein Milieu, für das keine Kirche, keine Gewerkschaft und kein Verein mehr die wichtigste Bindung neben der Familie ist, das sich aber gleichwohl als wertorientiert versteht. Ein Milieu, das die institutionalisierte Politik eigentlich abstoßend findet, aber auch nicht unpolitisch erscheinen will.

Für solche Menschen sind die Grünen die bequemste Partei. Mit ihr kann man irgendwie für den Einsatz in Afghanistan sein, aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen haben. Als Sympathisant der Grünen kann man Karriere in der Ellenbogengesellschaft machen und sich dafür über die staatlich organisierte Solidarität freikaufen. Und als Grüner in Berlin ist man ganz sicher unter vielen Gleichgesinnten, wenn man die Thesen von Thilo Sarrazin ganz schrecklich findet, aber das eigene Kind wegen des hohen Ausländeranteils an der einen Schule lieber in eine andere schickt.

Selbst eine kleine Volkspartei muss eben große Widersprüche aushalten.

© SZ vom 18.09.2010/aho

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite