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Grünen-Chefin Baerbock als CDU-Festrednerin:Liebesgrüße klingen anders

Buchvorstellung zur Geschichte der CDU

"Ich, wir als Partei, haben schon vor, sie in den nächsten 13 Monaten herauszufordern", sagt Grünen-Chefin Annalena Baerbock in Richtung CDU.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Zu huldvoll seien die Geburtstagsgrüße der Grünen-Spitze an die CDU gewesen, hieß es zuletzt. Das passiert Annalena Baerbock nicht nochmal: Bei einer CDU-Buchpräsentation hat sie feministische Baustellen und andere Spitzen dabei.

Von Boris Herrmann, Berlin

Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung präsentierte am Donnerstagabend ein Buch zum 75. Geburtstag der CDU und jetzt kann man darüber streiten, was mutiger war: Dass sie als Festrednerin Annalena Baerbock eingeladen haben? Oder dass Baerbock die Einladung annahm?

Die Parteichefin der Grünen hat zuletzt mit Geburtstagsgrüßen an die Christdemokraten ja nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Gemeinsam mit ihrem Co-Vorsitzenden Robert Habeck übermittelte sie in der FAZ eine Glückwunschadresse an die "liebe CDU", die von vielen Beobachtern als allzu huldvoll empfunden wurde. "Ihr seid so etwas wie die institutionalisierte Regierungspartei, die Grundversorgung im Kanzleramt, das Bayern München der Politik", stand da. Es las sich über weite Strecken, als ob Schwarz-Grün im Bund nicht nur längst beschlossene Sache, sondern auch das Natürlichste auf der Welt wäre.

Norbert Lammert, 71, seit 1966 CDU-Mitglied, seit 2017 Vorsitzender der Adenauer-Stiftung und nun auch Herausgeber des dicken Geburtstagssammelbandes "Christlich Demokratische Union", betonte zwar gleich zu Beginn der Buchvorstellung, dass seine Stiftung und seine Partei zwei verschiedene Dinge seien, und dass es an diesem Abend eher um eine "kritische Betrachtung" als um eine Beteiligung am "allgemeinen Schulterklopfen" gehen solle. Er räumte aber auch ein, dass ihn zahlreiche Fragen aus den eigenen Reihen erreicht hätten, weshalb er ausgerechnet zum Jubiläum die Vorsitzende einer konkurrierenden Partei eingeladen habe. Das Geburtstagsschreiben der Grünen-Spitze hat Lammert übrigens so gut gefallen, dass er es in die zweite Auflage seines Buches aufnehmen würde.

Baerbock hat deutlich kritischere Botschaften mitgebracht

Angesichts dieser Vorgeschichte gehört schon etwas dazu, dass Annalena Baerbock an diesem Donnerstag tatsächlich in der Akademie der Adenauer-Stiftung in die Bütt stieg, um ihre Glückwünsche nochmal persönlich zu überbringen. Und natürlich ist das in der gegenwärtigen Gemengelage aus all den öffentlich durchgespielten Farbkonstellationen nach der Bundestagswahl 2021 auch ein starkes Symbol.

Baerbocks demonstrative Fröhlichkeit konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie diesmal deutlich kritischere Botschaften mitgebracht hatte. Schon in einem der ersten Sätze kündigte sie an, dass es die Rede, die sie gleich halten würde, wohl eher nicht in ein CDU-Jubiläumsbuch schaffen würde. "Ich, wir als Partei, haben schon vor, sie in den nächsten 13 Monaten herauszufordern", lautete ihre Kampfansage.

Mit einem feinen rhetorischen Trick bereitete Baerbock den Kern ihrer Kritik an der CDU vor. Sie sprach zunächst über "historische Fehler" ihrer eigenen Partei. "Ja, wir Grünen, wir waren 1989/90 nicht nur gegen die Wiedervereinigung damals, sondern auch '92 gegen den Maastricht-Vertrag." Also letztlich gegen die zentralen Errungenschaften des CDU-Kanzlers Helmut Kohl. Annalena Baerbock, Jahrgang 1980, sagte, sie sei den Grünen 2004 beigetreten, weil die Partei auch bereit gewesen sei, aus diesen Fehlern zu lernen und anzuerkennen, "dass das gemeinsame Haus Europas unsere gemeinsame Zukunft ist". Und damit schlug sie den Bogen zur Gegenwart, in der Schwarz und Grün aus ihrer Sicht bei dem alles entscheidenden Thema noch "meilenweit" auseinander seien.

Die CDU, sagte sie, sollte beim Klimaschutz nicht den Fehler machen, den die Grünen bei der Deutschen Einheit und bei Europa gemacht hätten: "Im Prinzip dafür, aber im Konkreten dagegen." Immer der Zeit ein bisschen hinterher. "Morgen ist auch noch ein Tag, funktioniert beim Klimaschutz nicht", das ist der zentrale Satz ihrer Rede. An das "Bayern München der Politik" richtete sie diesmal also die Warnung: Passt auf, dass ihr den Geist der Zeit nicht verpennt! Liebesgrüße klingen anders.

Baerbock beherrscht den rhetorischen Kniff aber auch umgekehrt, indem sie ihr subtiles Unions-Bashing nicht hinter grüner Selbstkritik, sondern hinter einer Würdigung des "milden Matriarchats" von Angela Merkel versteckt. In der Schule und der Kita ihrer beiden Töchter, erzählte sie, höre sie hin und wieder: "Mensch Annalena, du machst doch da auch was mit Politik." Und da sei sie dann schon zwei Mal gefragt worden: "Sag' mal, darf überhaupt ein Mann Kanzler werden, ist das überhaupt erlaubt?" Das zeige aus ihrer Sicht, wie stark Vorbilder Weltbilder prägten. Wenn Kinder eben nur eine Frau im Kanzleramt erlebt hätten, dann sei das für sie nun einmal eine Selbstverständlichkeit.

An dieser Stelle muss man sich jetzt ein demonstrativ müdes Lächeln von Annalena Baerbock dazudenken.

"Da gibt es nämlich keine einzige Frau"

Sie wolle jetzt nicht alle "feministischen Baustellen" der Union aufzählen, sagte sie, um im nächsten Atemzug zu lästern: Zumindest bei ihren sieben Ministerpräsidenten müsse man nicht gendern, "da braucht sich keiner Sorgen machen, da gibt es nämlich keine einzige Frau." Und obwohl sich die Umfragewerte der Union, "sehr zum Leidwesen der Grünen", in der Pandemiekrise vor allem durch den Führungsstil Merkels verdoppelt hätten, höre man von einem ihrer potenziellen Nachfolger den Satz: "In der Krise wird oft nach dem Vater gefragt." Baerbock nannte den Urheber dieses Spruches nicht namentlich, aber wenn man bei Google die Stichwörter "Markus" und "Söder" eingibt, findet man ihn ziemlich schnell.

Sie war schon auch gekommen, um mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl für eine "leidenschaftliche Debatte" zwischen allen demokratischen Kräften im Land zu werben. "Im entscheidenden Moment stehen wir zusammen", sagte sie. Wo die Festrednerin aber gerade dabei war, zählte sie auch noch eine dritte feministische Baustelle in den Reihen ihrer Gastgeber auf: "Die Wetten darauf, dass es eine zweite Kanzlerkandidatin der Union geben wird, gehen gleich null. Da können wir uns schonmal darauf festlegen."

Ein Schelm, wer sich im Nachklang dieses Satzes die Frage stellte, ob es die Grünen dieses Mal wohl mit einer Kanzlerkandidatin versuchen werden.

© SZ/jobr
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