Die EU und der Aufruhr in Ägypten:Das arabische 1989

Der Umstand, dass arabische Diktatoren wie Hosni Mubarak den Westen jahrzehntelang mit der Bedrohung durch die Radikalen erpresst haben, bedeutet ja nicht, dass diese Bedrohung nicht existiert. Man kann daher die Frustration vieler arabischer Demokraten darüber verstehen, wie kühl der Westen anfangs auf jene Ereignisse reagierte, die für sie die einmalige Chance ihres Lebens auf Befreiung sind. Der ägyptische Journalist Yosri Fouda hat wütend erklärt: "Das ist hier eine Allahu-Akbar-freie Revolution".

Die EU und der Aufruhr in Ägypten: Tage des Zorns: Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo

Tage des Zorns: Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo

(Foto: AFP)

Allein der Umstand, dass es so wenige westliche Korrespondenten in diesen Ländern und so wenige Experten gibt, die sich wirklich auskennen, beweist, wie nachlässig Europa seinen eigenen Hinterhof betrachtet.

Europa hat zuerst mit verlegenem Schweigen reagiert, es folgte eine sehr vorsichtige Ermutigung für einen friedlichen Wandel. Anders als US-Außenministerin Hillary Clinton blieb die Außenministerin der EU, Catherine Ashton, praktisch unsichtbar. Ja, auch Washington hat anfangs ebenso verlegen geschwiegen und dann nur zweideutige Worte zur Ermutigung eines friedlichen Wandels gefunden. Aber der Versuch, sich auf die neue Lage einzustellen, ist inzwischen immerhin erkennbar.

Im Augenblick können wir nur wenig tun, um die Geschehnisse zu beeinflussen. Im Gegenteil: Eine zu offensichtliche Unterstützung einzelner Kandidaten oder Oppositionsbewegungen könnte nach hinten losgehen. Im Moment ist weniger mehr.

Doch das wird nicht so bleiben. Der ägyptischen Protestbewegung ist sehr klar, was sie nicht will: den Präsidenten Mubarak. Anders als die Demonstrantenschar auf dem Wenzelsplatz 1989 hat sie aber keine gemeinsame Vorstellung von der Zukunft - außer dass alles besser werden soll. Und wenn die neuen Regierungen in Ägypten, Tunesien oder anderswo Hilfe aus Europa willkommen heißen sollten, dann müssen wir bereit sein, diese auch zu geben.

Niemand hat mehr Erfahrung mit den komplizierten Wegen des Übergangs von Diktaturen zur Demokratie als die Europäer. Die USA mögen spezielle Beziehungen zum ägyptischen Militär haben und zu den arabischen Herrscherfamilien - aber Europa handelt mehr mit diesen Ländern als Amerika, es gibt mehr Hilfe und hat ein dichtes Netz aus kulturellen und persönlichen Beziehungen über jenes Meer gesponnen, das die Römer mare nostrum, unser Meer, nannten. Und Europa ist der Platz auf der Welt, zu dem es junge Araber zieht - zu Besuch, zum Studieren, zum Arbeiten. Ihre Brüder und Schwestern sind schon hier. Diese enge Verknüpfung ist ein Problem und eine große Gelegenheit zugleich.

Doch die Europäische Union benötigt Geschwindigkeit, Flexibilität, Wagemut und Vorstellungskraft - nichts davon gehört freilich zu den Qualitäten, die man gemeinhin mit diesem sich so langsam bewegenden multinationalen Club verbindet. Aber wenn Europa nun jenseits seiner Grenzen kühn handelt, wird es das vielleicht auch einmal im Inneren tun können.

Timothy Garton Ash, 55, ist Professor für Europäische Studien in Oxford und Fellow der Hoover Institution in Stanford.

© SZ vom 07.02.2011/fiem
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