Die Deutschen und der Krieg:In den Händen der Guten werden Waffen plötzlich gut

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Jetzt nähert sich der Afghanistan-Einsatz dem Ende, Verteidigungsminister Thomas de Maizière zieht die Soldaten ab. Als der Afghanistan-Heimkehrer in Uniform in Leipzig landete, spuckte ihm ein Mann ins Gesicht. "Kein Einzelfall", sagt der Soldat. Auch zwei von drei Deutschen finden, dass Soldaten im Auslandseinsatz zu wenig Anerkennung bekommen. Doch viele der 30-Jährigen haben andere Sorgen als die deutsche Sicherheit am Hindukusch. Die Finanzkrise gefährdet Jobs, die Euro-Krise den Staatenbund, der Klimawandel verursacht Fluten und Waldbrände. Der Sicherheitsbegriff erlebt gerade eine kleine Renaissance - Vorsorgesicherheit ist für junge Erwachsene wichtig, Energiesicherheit, Reaktorsicherheit. Alles dreht sich um das eigene kleine Leben. Kaum jemand grübelt über die Sicherheit des Staates.

Bundespräsident Joachim Gauck kritisierte jüngst dieses "Nicht-wissen-Wollen". Dabei hat die Politik lange selbst nichts dafür getan, eine Debatte über Auslandseinsätze anzustoßen. Die Missionen sind undurchschaubar, der Fortschritt unklar. Politiker vermieden lange, überhaupt von "Gefallenen" und "Krieg" zu sprechen - Begriffe, die Emotionen auslösen, Angst und Wut.

Eine emotionale Debatte verläuft oft holzschnittartig: Erschießt ein Jugendlicher mit der Waffe seines Vaters Mitschüler, erscheint es logisch, alle Waffen zu verbieten. Liefert Deutschland Panzer nach Saudi-Arabien, ist die Empörung groß. Geht es um Terrorismus und Völkermord, werden Waffen in den Händen der Guten - gut. "Ich freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten", sagte die Bundeskanzlerin vor einem Jahr und stieß damit eine Diskussion darüber an, ob man sich über den Tod eines Menschen freuen darf.

Die meisten 30-Jährigen haben von ihren Eltern gelernt, Gewalt kategorisch abzulehnen. Doch was daraus folgt, ist nicht so einfach. Was ist mit Verteidigung? Muss man den Angriff abwarten, bevor man zurückschlägt? Darf Deutschland zusehen, wenn ein Despot sein Volk quält? Eine große Mehrheit ist dagegen, Waffen an die syrische Opposition zu liefern. Das Land befindet sich im Bürgerkrieg. Zwei Drittel befürworteten zwar einen Militäreinsatz der Nato gegen den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi. Doch fast genauso viele standen hinter der Enthaltung Deutschlands im Sicherheitsrat, als dieser die Militäraktionen billigte.

Wer anfängt, darüber nachzudenken, kommt schnell zu Fragen über Leben und Tod - und Schuld. In Deutschland, mit seiner Geschichte und Verantwortung, kann nicht über Waffen gesprochen werden ohne diese Schuldfrage im Hinterkopf. Die 30-Jährigen haben sich viele Schuljahre lang damit beschäftigt. Womöglich ist das Nicht-wissen-Wollen auch ein Nicht-schuld-sein-Wollen. Nicht schuld an neuem Leid, nicht schuld an neuem Krieg. Doch wer sich raushält und sich diesen Konflikten nicht stellt, ist noch lange nicht unschuldig.

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