Die Deutschen und der Krieg:Wehrdienstleistende sind stressresistenter

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Eine Studie der Universität Tübingen und der Washington University in St. Louis hat sich mit psychischen Auswirkungen des Wehrdienstes beschäftigt. Demnach sind junge Männer, die sich dafür entscheiden, weniger kompromissbereit, dafür aber stressresistenter als Kriegsdienstverweigerer. Es sind Eigenschaften, die im Kriegsfall nützen können und die der Militärdienst laut Studie dauerhaft verstärkt.

Die meisten 30-Jährigen in diesem Land kennen Krieg nur aus der Tagesschau oder als Youtube-Video. Syrien zerreibt sich im Bürgerkrieg. Panzer überrollen Demonstranten in Kairo. Nach einem Selbstmordattentat in Afghanistan irren Menschen durch die Trümmer. Über das Internet sind diese Bilder überall verfügbar und präsent. Wie sich Krieg und Waffengewalt in der Realität anfühlt, kommt nicht an. Die wenigsten haben jemals eine Waffe abgefeuert, Sportschützen werden von vielen eher als Sonderlinge betrachtet.

Krieg in Deutschland ist unvorstellbar für diese Generation. Als sie geboren wurde, erreichte der Kalte Krieg den letzten Höhepunkt. Es war der letzte Konflikt, der Deutschland gefährlich nahkam, als von 1983 an Mittelstreckenraketen im Land stationiert wurden. Die Eltern der heutigen 30er haben insgesamt fast drei Jahrzehnte lang mit der Mauer gelebt. Sie sind mit Kriegsgeschichten aufgewachsen, und viele erzogen ihre Kinder im Freiheitsgedanken der 68er. Die Mehrheit lehnte militärische Einsätze auch in der Zeit nach dem Mauerfall ab. 1991 protestierten sie mit weißen Laken gegen den Golfkrieg.

Erst mit dem Kosovokrieg 1999 drehte die Stimmung. Bundeswehrsoldaten zogen unter dem Stern des "guten Kriegs" mit der Nato in den Kampf. Der rote Schröder und der grüne Joschka hatten selbst pazifistische Eltern ins Grübeln gebracht: "Wir haben immer gesagt: ,Nie wieder Krieg!' Aber wir haben auch immer gesagt: 'Nie wieder Auschwitz!'" 2001 erschütterten islamistische Terroristen mit vier entführten Flugzeugen Amerikas Unerschütterlichkeitsmythos. Die Nato rief den Bündnisfall aus. Der Bundestag stimmte zu, die Bürger arrangierten sich damit. Doch als US-Präsident George W. Bush zwei Jahre später Unterstützung für den Irak-Krieg forderte, gingen die Deutschen auf die Straße. Viele der heute 30-Jährigen verweigerten den Wehrdienst.

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