Die Deutschen und der Krieg:Wie die Schuldfrage uns im Weg steht

Lesezeit: 5 min

Den heute 30-Jährigen in diesem Land ist Krieg fremd. Doch Deutschland schickt längst wieder seine Soldaten in Kampfeinsätze. Für die Jungen ist es schwer, diese Kluft zu überwinden. Sie suchen Antworten auf die Fragen: Muss man den Angriff abwarten, bevor man zurückschlägt? Darf Deutschland zusehen, wenn ein Despot sein Volk quält?

Silke Bigalke und Sarah Ehrmann

Dieser Artikel ist der letzte Beitrag aus dem Schwerpunkt Waffen in Deutschland. Zu diesem Thema haben die Volontäre - die angehenden Redakteure - der Süddeutschen Zeitung eine komplette Ausgabe der SZ am Wochenende produziert.

Die Deutschen und der Krieg - Serie aus der SZ am Wochenende

Wenn es um militärische Gewalt geht, müssen sich die Deutschen unangenehmen Fragen stellen.

(Foto: Illustration: Christina Dawid)

Die erste Party nach seiner Rückkehr aus Afghanistan war ein Schock für den damals 30-jährigen Soldaten. Einstige Freunde nannten ihn Mörder und wandten sich ab. Andere fragten zwar höflich nach, die ehrliche Antwort, die von geschundenen Körpern und Nächten unter Beschuss, wollten sie aber nicht hören. Selbst bei der unblutigen Version kippte die Stimmung oft. Bald fragte niemand mehr. Der Soldat fühlte sich hilflos und fremd. Sein Schicksal teilen viele Kameraden, die aus Afghanistan zurückkehren.

Den Altersgenossen zu Hause ist Krieg fremd. Zwei Welten driften auseinander: Auf der einen Seite steht Deutschland als Militärmacht, die seit 1999 wieder in internationalen Konflikten kämpft. Auf der anderen Seite stehen die jungen Deutschen, die immer weniger Berührungspunkte mit ihrer Armee haben und sich schwertun mit sicherheitspolitischen Fragen. Sie sind die Nach-Nachkriegsgeneration, die Frieden im eigenen Land gewohnt ist und nicht weiß, was es heißt, von Krieg bedroht zu werden.

Entsprechend verklärt ist ihr Bild von der Bundeswehr, die sie mehr als friedliche Helfertruppe sieht denn als kämpfende Armee. Die meisten Deutschen, 93 Prozent, wünschen sich Soldaten vor allem als Retter im Katastrophenfall.

Zwar ist die Mehrheit dafür, einem Nato-Partner zu Hilfe zu eilen oder Völkermord zu verhindern. Doch von den fünf Auslandseinsätzen wissen Junge wie Alte wenig Konkretes oder gar nichts. Am bekanntesten ist noch der Einsatz in Afghanistan. Und von dort würde inzwischen mehr als die Hälfte der Deutschen die Soldaten am liebsten sofort abziehen.

Die Zahlen stammen aus der jährlichen Umfrage, mit der die Bundeswehr ihren Rückhalt in der Bevölkerung auslotet. 2011 hat sie ergeben, dass die Deutschen ihre Streitkräfte insgesamt schätzen; die jüngeren aber verhaltener als die älteren. Sie haben kaum noch Kontakt zu Soldaten. Die Zahl der Wehrdienstleistenden sinkt seit zehn Jahren fast ständig. Im vergangenen Jahr wurde die Wehrpflicht de facto abgeschafft. Gut so, findet die Mehrheit der Deutschen, schließlich habe die Bundeswehr auch ohne Zwangsrekrutierung genug Personal, und außerdem würde Deutschland ja seit dem Kalten Krieg nicht mehr bedroht.

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