Dialog in Hannover:Einmal tritt die Kanzlerin in ein Fettnäpfchen

Und als ein Flüchtling aus dem Sudan, der bei Continental in Ausbildung ist, erzählt, wie er sich selbst einen Sprachkurs organisieren und Deutsch bei der Arbeit lernen musste und fragt, warum Flüchtlinge nicht besser gefördert werden können, spricht die Kanzlerin von Asylverfahren, Anerkennung und Berufspraktikum bei der BA. "Aber da müsste ich mir Ihren individuellen Fall noch mal angucken", sagt sie. Der junge Sudanese scheint das als Aufforderung zu verstehen und setzt an, zu antworten, da fällt sie ihm ins Wort: "Ja ja, nun brauchen wir ja keine Sprachkurse mehr." Sein Deutsch sei ja jetzt "super toll geworden."

Grundlegend europakritisch scheint hier niemand zu sein. "Ich kannte Europa nicht, ich habe in der Schule nicht genug über Europa gelernt", erzählt ein junger Mann. Er habe sich Rumänien viel schlimmer vorgestellt und sei bei seinem Auslandsaufenthalt eines Besseren belehrt worden. Dafür seien solche Projekte ja da, entgegnet Merkel und sagt dann: "Gerade wenn Sie in der Schule vielleicht auch ein bisschen Schwierigkeiten hatten..."

Der junge Mann sieht nicht ganz einverstanden aus, die Kanzlerin gerät ins Schlingern, sagt, "weiß ich nicht, äh" und nach einer Pause: "Würden Sie sagen, dass Sie über Europa nichts wissen, weil sie manchmal nicht zugehört haben oder weil es im Unterricht nicht vorkam?"

Die Affäre Maaßen erwähnt Merkel mit keinem Wort

Abgesehen von dieser Szene umschifft die Kanzlerin Fettnäpfchen, antwortet solide, faktenreich, manchmal sogar witzig. Mitreißend aber ist das alles nicht. Der Bürgerdialog findet auf den Tag genau ein Jahr nach der Bundestagswahl statt, die weniger Stabilität gebracht hat, als sich viele erhofften. Heute ist die Koalition in Berlin zerstritten, Populisten stellen die Grundlagen der Demokratie in Frage, in Deutschland wie in Europa insgesamt.

Es ist diese Lage, in der Merkel an diesem Nachmittag in Hannover steht. Sie ist als Europäerin hier und will für die EU werben. Sie hätte eine flammende Europarede im Stile des französischen Präsidenten Emmanuel Macron halten können. Doch das tut sie nicht, sie macht es lieber auf ihre Art: betonen, was man schon hat, und darauf hinweisen, woran man sowieso schon arbeite. Es sind die Details, die ihr liegen, nicht der große Wurf. Zu begeistern scheint sie damit niemanden im Raum. Muss sie aber auch nicht, weil sie eben unter Europafreunden weilt.

Es ist der dritte Bürgerdialog zu Europa, den Merkel in diesem Jahr führt, zuvor war sie in Berlin und Jena. Auch andere Politiker setzen sich seit Mai dieses Jahres in europäischen Städten mit den Bürgern zusammen. Die Ergebnisse der Gespräche sammeln die Regierungen der teilenehmenden EU-Staaten und präsentieren sie im Dezember beim Europäischen Rat. Sie sollen den Regierungen Anregungen für ihr Handeln geben.

Merkel fasst die Anliegen der 40 jungen Bürger so zusammen: "Ich nehme mit, dass die lebendige Erfahrung Europas durch nichts zu ersetzen ist." Als der Moderator nach einer Stunde und zehn Minuten Dialog anmerkt, die Zeit sei fast vorbei, es sei denn, Frau Merkel wolle noch weitere Fragen beantworten, sagt sie: "Nenene, ich muss weiter." Und der Streit in Berlin, die Affäre Maaßen? Die erwähnt Merkel an diesem Nachmittag mit keinem Wort.

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