Dialog in Hannover:Merkels Operation Bürgernähe

EU Citizens' Dialogue with Chancellor Angela Merkel

"Nenene, ich muss weiter", sagt Angela Merkel zum Schluss des Bürgerdialogs in Hannover.

(Foto: Bundesregierung via Getty Images)

Die Kanzlerin spricht in Hannover mit jungen Bürgern über die Europäische Union. Und versäumt dabei die Gelegenheit, ein flammendes Plädoyer für das Bündnis zu halten.

Von Veronika Wulf

Hätte dieser Tag der Bundeskanzlerin einen Titel, "Operation Bürgernähe" wäre wohl am passendsten. Am Morgen in Berlin gestand sich Angela Merkel (CDU) ein, die Bundesregierung habe im Fall Maaßen "zu wenig an das gedacht, was die Menschen bewegt". Sie kündigte an, das zu ändern.

Am späten Nachmittag steht sie im magentafarbenen Blazer, den sie auch schon morgens trug, im Foyer der Continental-Konzernzentrale in Hannover, um genau das zu tun: zuhören, was die Menschen bewegt. Um sie herum sitzt ein Kreis von 40 jungen Erwachsenen, von denen sie beim Bürgerdialog "Sprechen wir über Europa" wissen will, was sie von der EU erwarten, wie sie sie im Alltag erleben und was sie sich für die Zukunft des Bündnisses wünschen.

Trotz der krisenhaften vergangenen Tage ist die Kanzlerin zum Spaßen aufgelegt. Als der Moderator erklärt, dass der keine Nachrichten auf seinem Smartphone lese, sondern seine Stichpunkte, wirft sie ein: "Besser, man hat's im Kopf" und erntet den ersten Lacher.

Schnell ahnt man: Hier hat es die Kanzlerin leicht

Die jungen Menschen im Stuhlkreis sind zwischen 18 und Mitte Zwanzig. Es sind Auszubildende und duale Studenten dabei, darunter zwei Geflüchtete, vor allem aber Teilnehmer der Initiative "Experiencing Europe", bei dem der Automobilzulieferer in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und der Caritas jungen benachteiligten Arbeitssuchenden Praktika im EU-Ausland vermittelt. Auch andere Firmen nehmen Praktikanten im Rahmen der Initiative auf, wie Schaeffler, Thomas Cook, DHL oder Vapiano. Die meisten der Diskutanten waren bereits im Ausland. Von ihren Erfahrungen will Merkel hören.

Ein junger Mann erzählt von seinem Auslandsaufenthalt in Rumänien und Ungarn. "Es hat sehr viel Spaß gemacht, war eine super gute Erfahrung", sagt er und man ahnt, dass Merkel es heute leicht haben wird. Die Kanzlerin weilt hier unter jungen, aufgeschlossenen Europafreunden.

Kommen doch mal etwas kritischere Fragen, bügelt Merkel sie souverän ab. Ein Teilnehmer fragt, ob man nicht ein kostenloses Nahverkehrsticket für Studenten und Auszubildende EU-weit einführen könnte. Merkel antwortet: "Wir geben das nach Europa, wo wir glauben, dass Europa die beste Kompetenz hat, was man zu Hause machen kann, das machen wir lieber zu Hause." Auf ein Versprechen will sie sich nicht festlegen.

Die Antworten der Kanzlerin klingen mal nach Grundkurs Politik und mal nach einer Aufzählung bestehender Initiativen, Gesetze und Ämter, die sich um die angesprochenen Probleme ja ohnehin schon kümmerten. Als eine junge Frau die schlechten Arbeitsbedingungen in einem Werk in Rumänien anspricht, wo sie ein Praktikum gemacht hat - schlechte Luft, schlechte Bezahlung, zehn Stunden Arbeit am Tag - spricht Merkel von Mindestlöhnen, Emissionsschutzverordnungen und Arbeitsschutz. Als ein junger Mann fragt, wie man Europa in Deutschland präsenter machen könnte, redet Merkel von Städtepartnerschaften, Kulturhauptstädten und wechselnden EU-Präsidentschaften.

Einmal tritt die Kanzlerin in ein Fettnäpfchen

Und als ein Flüchtling aus dem Sudan, der bei Continental in Ausbildung ist, erzählt, wie er sich selbst einen Sprachkurs organisieren und Deutsch bei der Arbeit lernen musste und fragt, warum Flüchtlinge nicht besser gefördert werden können, spricht die Kanzlerin von Asylverfahren, Anerkennung und Berufspraktikum bei der BA. "Aber da müsste ich mir Ihren individuellen Fall noch mal angucken", sagt sie. Der junge Sudanese scheint das als Aufforderung zu verstehen und setzt an, zu antworten, da fällt sie ihm ins Wort: "Ja ja, nun brauchen wir ja keine Sprachkurse mehr." Sein Deutsch sei ja jetzt "super toll geworden."

Grundlegend europakritisch scheint hier niemand zu sein. "Ich kannte Europa nicht, ich habe in der Schule nicht genug über Europa gelernt", erzählt ein junger Mann. Er habe sich Rumänien viel schlimmer vorgestellt und sei bei seinem Auslandsaufenthalt eines Besseren belehrt worden. Dafür seien solche Projekte ja da, entgegnet Merkel und sagt dann: "Gerade wenn Sie in der Schule vielleicht auch ein bisschen Schwierigkeiten hatten..."

Der junge Mann sieht nicht ganz einverstanden aus, die Kanzlerin gerät ins Schlingern, sagt, "weiß ich nicht, äh" und nach einer Pause: "Würden Sie sagen, dass Sie über Europa nichts wissen, weil sie manchmal nicht zugehört haben oder weil es im Unterricht nicht vorkam?"

Die Affäre Maaßen erwähnt Merkel mit keinem Wort

Abgesehen von dieser Szene umschifft die Kanzlerin Fettnäpfchen, antwortet solide, faktenreich, manchmal sogar witzig. Mitreißend aber ist das alles nicht. Der Bürgerdialog findet auf den Tag genau ein Jahr nach der Bundestagswahl statt, die weniger Stabilität gebracht hat, als sich viele erhofften. Heute ist die Koalition in Berlin zerstritten, Populisten stellen die Grundlagen der Demokratie in Frage, in Deutschland wie in Europa insgesamt.

Es ist diese Lage, in der Merkel an diesem Nachmittag in Hannover steht. Sie ist als Europäerin hier und will für die EU werben. Sie hätte eine flammende Europarede im Stile des französischen Präsidenten Emmanuel Macron halten können. Doch das tut sie nicht, sie macht es lieber auf ihre Art: betonen, was man schon hat, und darauf hinweisen, woran man sowieso schon arbeite. Es sind die Details, die ihr liegen, nicht der große Wurf. Zu begeistern scheint sie damit niemanden im Raum. Muss sie aber auch nicht, weil sie eben unter Europafreunden weilt.

Es ist der dritte Bürgerdialog zu Europa, den Merkel in diesem Jahr führt, zuvor war sie in Berlin und Jena. Auch andere Politiker setzen sich seit Mai dieses Jahres in europäischen Städten mit den Bürgern zusammen. Die Ergebnisse der Gespräche sammeln die Regierungen der teilenehmenden EU-Staaten und präsentieren sie im Dezember beim Europäischen Rat. Sie sollen den Regierungen Anregungen für ihr Handeln geben.

Merkel fasst die Anliegen der 40 jungen Bürger so zusammen: "Ich nehme mit, dass die lebendige Erfahrung Europas durch nichts zu ersetzen ist." Als der Moderator nach einer Stunde und zehn Minuten Dialog anmerkt, die Zeit sei fast vorbei, es sei denn, Frau Merkel wolle noch weitere Fragen beantworten, sagt sie: "Nenene, ich muss weiter." Und der Streit in Berlin, die Affäre Maaßen? Die erwähnt Merkel an diesem Nachmittag mit keinem Wort.

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