Studie zur Integration Immer mehr Deutschtürken betrachten die Türkei als Heimat

AKP-Anhänger während einer Wahlkampfveranstaltung 2017 in Kelsterbach bei Frankfurt am Main.

(Foto: AP)
  • Eine Studie zeigt: Jeder zweite Deutschtürke betrachtet nur die Türkei als seine Heimat.
  • Der größte Teil der türkischstämmigen Menschen fühlt sich aber beiden Ländern zugehörig.
  • Als Ursache für die Orientierung in Richtung Türkei vermuten Wissenschaftler Ausgrenzung - und das Angebot der türkischen Regierung als Interessenvertreter der Türkeistämmigen.
Von Markus C. Schulte von Drach

Die Bedeutung der Türkei wächst für Deutschtürken seit einigen Jahren wieder. Immer mehr Angehörige der zweiten Generation betrachten das Herkunftsland ihrer Eltern sogar als ausschließliche Heimat. Das zeigt eine Studie des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) in Essen.

So fühlt sich etwa die Hälfte der Türkeistämmigen in Deutschland inzwischen nur der Türkei als Heimat verbunden, nur 17 Prozent hingegen ausschließlich Deutschland. Etwa 30 Prozent sehen beide Länder als ihre Heimat.

Im Vergleich zu früheren Jahren zeigen die Daten von 2017, dass die Zahl der Deutschtürken, die die Türkei als Heimat im Sinne familiärer Verwurzelung und kultureller Prägung sehen, seit 2011 deutlich zugenommen hat. Der Anteil derjenigen, die nur in Deutschland oder in beiden Ländern ihre Heimat sehen, ist dagegen geschrumpft.

Zugleich fühlt sich die große Mehrheit der Türkeistämmigen der Türkei auch weiterhin zugehörig, obwohl die Hälfte von ihnen inzwischen deutsche Staatsbürger sind. 61 Prozent der Befragten gaben an, das würde auf sie "sehr stark" zutreffen, fast 28 Prozent gaben hier "eher stark" an. Zugleich erklärten allerdings 37,5 Prozent der Befragten, sie würden sich "sehr stark" Deutschland zugehörig fühlen, mehr als 43 Prozent "eher stark". Im Gegensatz zur Heimatverbundenheit geht es beim Zugehörigkeitsgefühl um die realen Lebensumstände.

Die Untersuchung, für die etwa 1000 Personen in Nordrhein-Westfalen und etwa weitere 1000 im übrigen Deutschland befragt wurden, zeigt also: "Der größte Teil der türkischstämmigen Menschen fühlt sich beiden Ländern zugehörig", sagte Hacı Halil Uslucan, wissenschaftlicher Leiter des ZfTI bei der Vorstellung der Studie. Das gelte trotz der jüngsten Verwerfungen mit dem Deutschen Fußball-Bund auch für Mesut Özil, so Uslucan. Dieser hätte für die deutsche oder die türkische Nationalmannschaft spielen können, habe sich aber für die deutsche entschieden - und sei dafür von türkischen Fans ausgepfiffen worden. (Özil hat 2007 die türkische Staatsbürgerschaft abgelegt, er ist nur deutscher Staatsbürger.)

Heimatgefühle belegen keinen fehlenden Willen zur Integration

Ein Viertel der Befragten weist eine "bikulturelle Verortung" auf, in der ersten Zuwanderungsgeneration sogar ein Drittel, berichtet Martina Sauer, die Autorin der Studie. Es gebe bei ihnen eine Bindung an die Kultur der Mehrheits- als auch der Herkunftsgesellschaft gleichermaßen.

Die Situation ist demnach komplizierter als es auf den ersten Blick erscheint. Die starke Orientierung in Richtung Türkei, selbst die hohe Zustimmung unter Türkeistämmigen für die konservativ-nationalistische türkische Partei AKP und Präsident Erdoğan sind offenbar noch kein klarer Beleg für einen grundsätzlich fehlenden Willen, sich zu integrieren.

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Als Ursache für die Entwicklung führt Sauer in ihrer Studie eine Reihe von Faktoren an, die insbesondere die Nachfolgegenerationen betreffen. So erleben viele, als Menschen mit türkischer Herkunft und als religiöse Muslime noch immer nicht akzeptiert, sondern diskriminiert zu werden.

Das hat sie anfällig gemacht für das Werben der türkischen Regierung, die sich seit Jahren als Interessenvertreter anbietet und betont, wie bedeutsam die türkische Nationalitätszugehörigkeit auch für Türkeistämmige in Deutschland sei. Ausgerechnet die bilateralen Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland haben so bei vielen - insbesondere bei Männern - eine stärkere Orientierung in Richtung Herkunftsland der Eltern ausgelöst.

Die Orientierung hin zur Türkei bedeutet nicht, dass die Betroffenen sich von Deutschland abwenden. Viele fühlen sich aber nicht in die Mehrheitsgesellschaft und ihre Interaktionen eingebunden, sondern ausgeschlossen - ihnen wird ein Gefühl der Andersartigkeit vermittelt. Gerade hochgebildete und gut integrierte Angehörige der Nachfolgegeneration fühlen sich häufig diskriminiert. Und schließlich beklagen sie sich über fehlende wirtschaftliche Perspektiven. Deutschland, dem sie sich eigentlich zugehörig fühlen, scheint sie abzulehnen.

Ergänzung zur Loyalität gegenüber Deutschland

Martina Sauer empfiehlt in ihrer Studie, die wirtschaftlichen Perspektiven der Türkeistämmigen zu verbessern und zu akzeptieren, dass Menschen sich zwei Ländern und ihren Kulturen zugleich zugehörig fühlen. Eine heimatliche Verwurzelung und ein Interesse am Herkunftsland "sollten nicht als Integrationsverweigerung abgestempelt oder als Merkmal fehlender Loyalität zu Deutschland bewertet werden", schreibt sie. Sie könnten eine durchaus vorhandene und ausgeprägte Loyalität gegenüber Deutschland ergänzen.

"Die besondere Position der Zugewanderten und ihre Andersartigkeit sollten nicht verhindern, sie als selbstverständlichen Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu begreifen, wodurch auch für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte Optionen geschaffen würden, Patriotismus in Bezug auf das Aufnahmeland zu entwickeln." Wobei allerdings die Frage unbeantwortet bleibt, wie viel kulturelle Andersartigkeit eine Aufnahmegesellschaft zu akzeptieren bereit sein muss.

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