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Deutschlandstipendium:Erfolgsgeschichte oder Rohrkrepierer

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0,84 Prozent aller Studenten erhalten ein Deutschlandstipendium.

(Foto: Rüdiger Wölk/imago)

Ministerin Wanka zieht eine positive Bilanz, doch Kritik kommt von allen Seiten.

Von Hannes Vollmuth, Berlin

Stipendien stehen in Deutschland schon immer unter einem doppelten Verdacht: Einerseits gelten die Förderprogramme als elitär, andererseits als Bürokratiemonster, die mehr kosten, als sie Nutzen bringen. Auch das Deutschlandstipendium ist seit dem Start im Jahr 2011 diesen Vorwürfen ausgesetzt. Doch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) will trotz der kritischen Stimmen weiter an dem Stipendium für gute Studenten festhalten und es sogar ausbauen. "Mit dem Stipendium sind wir ein Stück weitergegangen, eine Stipendienkultur in Deutschland zu fördern", sagte Wanka in Berlin.

Anlass für Wankas Bilanz ist ein Bericht zum Deutschlandstipendium, den die Ministerin in Berlin vorgestellt hat, ein erstes Zwischenfazit nach fünf Jahren Förderung. Demnach haben 2014 rund 22 500 Studierende das Deutschlandstipendium erhalten. Das entspricht einer Quote von 0,84 Prozent aller eingeschriebenen Studenten. Ein Jahr zuvor hatten noch 14 Prozent weniger Studierende das Deutschlandstipendium erhalten: 300 Euro pro Monat, von denen 150 Euro der Bund bezahlt und 150 Euro Sponsoren der Wirtschaft. Die Zahlen überträfen deutlich ihre Erwartungen, sagte Wanka.

Als besonderen Erfolg verbuchte Wanka, dass Studierende mit Migrationshintergrund dem Bericht zufolge überdurchschnittlich oft ein Deutschlandstipendium erhalten: 28 Prozent; mehr als jeder vierte Stipendiat habe eine Einwanderungsgeschichte in der Familie. Im Vergleich mit dem Migrationsanteil an allen Studierenden schneidet das Deutschlandstipendium sogar um fünf Prozentpunkte besser ab.

Auch in anderen Merkmalen wie Geschlecht und Bildungsstand ähneln die Träger des Stipendiums dem deutschen Durchschnittsstudenten. Im Wesentlichen seien während des Untersuchungszeitraums von der Einführung im Jahr 2011 bis 2014 keine Unterschiede im Vergleich zur gesamten Studierendenschaft festgestellt worden, sagte Anja Durdel, die als Projektleiterin die Verteilung des Deutschlandstipendiums untersucht hat.

Im Gegensatz zur Bundesregierung hält die Opposition die Fünf-Jahres-Bilanz jedoch für keinen Erfolg. "Das Prestigeprojekt von Ministerin Wanka bleibt auch im sechsten Jahr ein Misserfolg, daher werden ihre Jubel- und Lockrufe immer bizarrer", teilte Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, mit. Dass 99,16 Prozent der Studierenden kein Deutschlandstipendium erhalten, sei ein Beleg für ein grandioses Scheitern. Noch Annette Schavan, Wankas Vorgängerin, war davon ausgegangen, dass acht Prozent aller Studierenden ein Deutschlandstipendium erhalten könnten. Wanka selbst hat diese Zielvorgabe inzwischen auf zwei Prozent korrigiert.

Selbst der Koalitionspartner SPD fordert inzwischen den Stop der Förderung. SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil hatte in der Nordwest-Zeitung geäußert: "Das Prestigeprojekt der Union ist ein Rohrkrepierer. Im Haushalt des Bildungsministeriums mit Hunderten Fördertiteln hat es die fünftschlechteste Abrufquote." Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sagte: "Die Bundesregierung sollte einen Schlussstrich unter das Programm ziehen und die Mittel besser in das Bafög fließen lassen." Auch der Verwaltungsaufwand des Deutschlandstipendiums wird seit vielen Jahren kritisiert. Der Rechnungshof hatte errechnet, dass 2011, also im ersten Jahr, die Verwaltung 47 Prozent aller Ausgaben ausmachte, zwei Jahre später waren es immer noch 20 Prozent.

Positiv hatten sich in der Vergangenheit jedoch Vertreter der Universitäten geäußert. Der frühere Präsident der Universität Frankfurt, Werner Müller-Esterl, schrieb 2014 in einem Zeitungsbeitrag: Wer eine neue Kultur etablieren wolle, brauche einen langen Atem, zumal wenn sie - wie die Stiftungskultur in Deutschland - auf keiner Tradition aufbauen könne.

Bei der Vergabe des Deutschlandstipendium berücksichtigten die Hochschulen nicht nur die Noten, sondern auch soziales Engagement. Das Deutschlandstipendium wird unabhängig vom Bafög vergeben. Nach dem Ende der Förderzeit muss es nicht zurückgezahlt werden.

© SZ vom 10.03.2016
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