Deutschlands Stellung in der Welt Zu klein für die Welt, zu groß für Europa

Das Missverständnis freilich liegt im System. Wenn die großen Mächte der Welt Sonderbeziehungen nach Berlin unterhalten, so tun sie es, weil die tatsächliche oder vermeintliche Stärke Deutschlands für sie eine greifbare Größe ist. Sie wenden sich an Deutschland, weil die Europäische Union zu einer wirtschaftlichen Tatsache geworden ist, die sie politisch nicht zu fassen bekommen.

"Eiserne Lady" Merkel auf Platz eins

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Das wäre auch schwer angesichts der zwergenhaften außenpolitischen Gestalt der EU. Diese aufpäppeln zu wollen, hat der deutsche Außenminister zusammen mit Kollegen eben zwar erst wieder proklamiert. Im wirklichen Leben aber sieht das ein bisschen anders aus. Diplomatisch entwickelt Deutschland zumindest quantitativ den Eifer einer Großmacht. Viel Papier ist zuletzt bedruckt worden mit "Leitlinien" und "Strategien" über Deutschlands Rolle in Lateinamerika oder Afrika, überall dort also, wo es längst Zeit wäre, europäisch aufzutreten.

Im Ungewissen bleibt derweil, worin spezifisch deutsche Aufgaben in der Weltpolitik liegen könnten. Die Bundesrepublik ist zu einer Art Auch-dabei-Macht geworden, etwa im Atomkonflikt mit Iran, wo sie sich im Format "Fünf plus eins" zu den Vetomächten gesellt. Die Teilhabe versteht sich gewissermaßen von selbst. Das ist auch im Falle Syrien so, wo aus der Ohnmacht der Welt jene Deutschlands durchaus noch besonders heraussticht.

In der diplomatischen Arbeitsteilung war es den Deutschen zugefallen, auf die Moskauer Schutzherren des Baschar al-Assad einzureden, sind sie doch in russischen Augen unschuldig in Sachen Libyen. Mit Russland überdies angeblich strategisch verbrüdert, haben die Deutschen eine Chance gesucht, die es in Wahrheit nicht gab. Präsident Wladimir Putin hat Merkel auf seinem postsowjetischen Retrokurs nichts entgegengebracht außer Spott.

Das Lied der militärischen Zurückhaltung

Ungerecht wäre es allerdings, der Berliner Außenpolitik einen eigenen Sound abzusprechen. Er klingt an, wann immer Westerwelle das Lied von der Kultur der militärischen Zurückhaltung singt. Was unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer in den Neunzigerjahren mit Einsätzen im früheren Jugoslawien begonnen hatte und nach dem 11. September 2001 in Afghanistan fortgeführt wurde, gilt unter Merkel und Westerwelle nicht länger als Schritt zur Normalität, sondern als Irrweg.

Dass Sicherheit notfalls auch künftig von außen militärisch erzwungen werden muss, stellt die Bundesregierung gar nicht in Abrede. Sie will nur deutsche Soldaten möglichst heraushalten. Merkel bezweifelt, dass sie die Bundesbürger im Ernstfall würde überzeugen können - und liegt damit vermutlich nicht falsch.

Ironie der Geschichte: Just in jenem Moment, in dem das vereinigte Deutschland sich abwendet von jener hard power, die immer noch zum Instrumentenkasten jeder großen Macht gehört, scheint es als Akteur global gefragter zu sein denn je. Das ist gut fürs Selbstbewusstsein, kann aber schlecht sein fürs Urteilsvermögen.

Deutschland wird respektiert und hofiert wegen seiner wirtschaftlichen Stärke, vielleicht auch bewundert wegen geglückter Reformen. Von Deutschland wird erwartet, der Europäischen Union jenen Schub zu geben, der sie rettet. Für sich allein aber hat es im Kreis zukünftiger Mächte keinen Platz. Schon heute wirkt es leicht lächerlich, wenn es sich neben Indien, der Milliarden-Nation, um einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat bemüht. Deutschland sei zu klein für die Welt und zu groß für Europa, hat Henry Kissinger gesagt. Deutschland muss sein richtiges Maß finden. Es wäre ein Beweis echter Stärke.