Deutschlands Stellung in der Welt Imperium aus Versehen

Die Kanzlerin gilt als mächtigste Frau der Welt und die BRD als stärkster Staat der EU: Nach deutschen Epochen unstillbarer Geltungssucht sind es nun andere, die Führung ausgerechnet aus Berlin erwarten. Doch der Glaube an Deutschlands grenzenlose Macht wird langsam zum Problem.

Ein Kommentar von Daniel Brössler

In der internationalen Presse herrscht seit geraumer Zeit stilles Einvernehmen darüber, dass Angela Merkel nicht nur als CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin fungiert, sondern auch als mächtigste Frau der Welt. Diese Tatsache manifestiert sich regelmäßig in mehr oder weniger schmeichelhaften Titelbildern, die ihre angeblichen Leistungen und Fehlleistungen illustrieren.

Angela Merkel: mächtigste Frau der Welt und Bild eines wirtschaftlich starken und einflussreichen Landes - zumindest in Europa.

(Foto: dapd)

So viel sich daraus schließen lässt über die beachtliche Laufbahn der Angela Merkel, so verrät es doch ebenso viel über eine noch erstaunlichere Karriere - die der Bundesrepublik Deutschland.

Wenn Außenminister Guido Westerwelle in der kommenden Woche als turnusmäßiger Vorsitzender im UN-Sicherheitsrat das Hämmerchen schwingt, tut er es namens eines Staates, der als einer der mächtigsten der Welt gesehen wird. Weniger von sich selbst als von anderen. Die britische Zeitung Guardian hat diesem "accidental empire", diesem Imperium aus Versehen, gerade erst eine ganze Serie gewidmet.

So entdeckt sich Deutschland in den Zehnern des 21. Jahrhunderts in einer ausgesprochen ungewohnten Lage. Nach deutschen Epochen unstillbarer Geltungssucht, unfassbarer Verbrechen und schließlich umfänglicher Läuterung sind es nun andere, die Führung ausgerechnet aus Berlin erwarten.

Er habe weniger Angst vor deutscher Macht als vor deutscher Passivität, hat Polens Außenminister Radoslaw Sikorski mal gesagt. Dieser Satz beschreibt die Verantwortung deutscher Politik. Sie ist dank wirtschaftlicher Stärke ausgestattet mit einem beachtlichen Motor. Die Frage ist nun, ob sie den Gebrauch von Gas und Bremse beherrscht - und wohin sie lenkt.

Ein Beispiel: Vor einigen Wochen war Kanzlerin Merkel zu Besuch in China. Sie ist dort gern gesehen. Die Chinesen haben ein beträchtliches wirtschaftliches Eigeninteresse an der Rettung des Euro, andererseits aber größte Schwierigkeiten, sich in den komplizierten Strukturen der EU zurechtzufinden.

Das Bild von der mächtigsten Frau der Welt ist indes eines, mit dem sie etwas anfangen können. Die Chinesen vertrauen auf die Kraft, die Deutschland in der EU entfalten kann. So ist die Kanzlerin zur ersten Ansprechpartnerin geworden. So wurden Regierungskonsultationen geboren, die Pekings Führung so höchstens noch mit den USA unterhält.

Aufgeschreckt durch eine bei der EU-Kommission eingereichte Klage deutscher Solarhersteller gegen chinesische Billigkonkurrenz, wollten die Gastgeber von Merkel nun wissen, ob es wirklich zu einem Anti-Dumping-Verfahren kommen müsse. Die Kanzlerin antwortete salomonisch. Man solle versuchen, das Problem durch Gespräche zu lösen und nicht immer gleich zur Waffe gerichtlicher Auseinandersetzungen greifen.

Von den Chinesen ist das sehr eifrig begrüßt worden. Noch während ihrer Reise wurde Merkel mit Dankesworten überschüttet. Als wenige Tage später die EU-Kommission das Anti-Dumping-Verfahren einleitete, konnten es die Chinesen nicht fassen. Der weltweite Irrglaube an Deutschlands grenzenlose Macht in der EU wird, wie sich da zeigt, langsam zum Problem.