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Deutschlandbild der Franzosen:Der große Nachbar erstrahlt heller denn je

France's President Hollande talks with Germany's Federal Chancellor Merkel during the Asia-Europe Meeting (ASEM) in Milan

Kanzlerin Angela Merkel wird in Frankreich mehr geachtet als der eigene Präsident François Hollande. Hier beide im Oktober in Mailand.

(Foto: REUTERS)

Vier Fünftel aller Franzosen bekunden, sie hätten "ein positives" Bild von den Deutschen. Und doch offenbart die Analyse ein Dilemma. Die Deutschen wollen geliebt werden, aber sie ernten nur Hochachtung.

Von Christian Wernicke, Paris

Wer Franzosen nach dem Image Deutschlands fragt, muss wissen: In jeder Antwort schimmern Töne des französischen Selbstbildnisses durch. Weil letzteres dieser Tage zwischen tieftrübe und düster changiert, erstrahlt der große Nachbar heller denn je.

Alles scheint schöner und besser zu sein auf der anderen Seite des Zauns respektive des Rheins: die Autos und die Waschmaschinen, die Wirtschaft und die Merkel. Und spätestens seit dem 4. Juli, dem Tag der 0-1-Niederlage im WM-Viertelfinale in Rio, gilt obendrein der teutonische Fußball als überlegen. Das passte ins Bild. Als la Mannschaft neun Tage später den Titel holte, gönnten die Franzosen den Deutschen ihren Erfolg. Fast neidlos sogar.

Seit Jahren ist le modèle allemand Teil der französischen Debatte. "Deutsches Modell", das meint Gerhard Schröders Agenda 2010, also die vermeintliche Fähigkeit des Nachbarn, sich mit garstigen Reformen und vermeintlich nationalen Tugenden aus dem eigenen Schlamassel zu befreien: Beharrlichkeit, Sparsamkeit und Strenge - diese drei Begriffe fielen den Franzosen während einer Befragung des anerkannten Ifop-Instituts in Paris am häufigsten ein, als sie den deutschen Charakter zu beschreiben versuchten.

Voilà, hier die Begriffe, die Franzosen auf ein leeres Blatt Papier (also ohne Vorgaben) schreiben, sobald man sie um spontane Stichwörter zu l'Allemagne bittet: Merkel (29 Prozent), Bier (23), Berlin (21), Auto (18). Dann folgen unsere strengen Sekundärtugenden, mit ebenfalls 18 Prozent. Als Trost bleibt nur, dass Franzosen unter 25 Jahren sich die Deutschen mit weicheren Konturen ausmalen. Junge Franzosen denken weitaus seltener an "Rigidität" (7 statt 18 Prozent) oder an "Ordnung" (2 statt 10 Prozent), dafür öfter an "Sauerkraut und Würste" (20 Prozent) oder an "Hitler" (32 Prozent).

Leichte Schizophrenie beim Deutschenbild

Vier Fünftel aller Franzosen bekunden, sie hätten "ein positives" Bild von den Deutschen. Und doch offenbart die Analyse ein altes Dilemma. Die Deutschen wollen geliebt werden, aber sie ernten - so ergab eine Umfrage im Auftrag des Auswärtigen Amts vor einem Jahr - nur Hochachtung. Als tieferes Motiv ihrer Wertschätzung für die Deutschen nennen 33 Prozent der Franzosen "Respekt". 26 Prozent - immerhin - bekundeten "Sympathie" (umgekehrt: 65 Prozent!), neun Prozent äußern "Bewunderung". Und vier Prozent verspüren "Neid".

Symbol Deutschlands ist Angela Merkel. La Chancelière de fer wird geachtet wie kein einheimischer Politiker. 73 Prozent aller Franzosen erklärten kurz vor Weihnachten, sie hätten "eine gute Meinung" von der Kanzlerin. Gleichzeitig beklagen in derselben Umfrage 74 Prozent der Befragten, Berlin habe "zu viel Einfluss" auf die Politik in Europa.

Unsere Nachbarn plagt im Umgang mit den Deutschen also eine gewisse Schizophrenie. Drei Viertel glauben, der deutsche Reformweg führe bergab, zum Beispiel zu Billiglöhnen und Verarmung. Dennoch: Zwei Drittel derselben Franzosen wünschen, ihre Nation solle sich inspirieren lassen vom Vorbild nebenan.

© SZ vom 31.12.2014/gal
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