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Deutschlandbild der Chinesen:Mythos von der deutschen Perfektion

Oktoberfest in China

Auch hier ist Deutschland Vorbild: Zwei Besucherinnen beim "International Beer Festival" in Qingdao, einer Art chinesischem Oktoberfest.

(Foto: dpa)

Die Kanalisation in Qingdao funktioniert einwandfrei. Viele Chinesen sind überzeugt, dass dafür die frühere Kolonialmacht Deutschland verantwortlich ist. Die Legende vom deutschen Genie hält sich in China hartnäckig.

Von Christoph Neidhart

Für die Chinesen ist Qingdao, diese Millionenstadt im Osten ihres Landes, eine Stadt mit einer großartigen Vergangenheit. Vor allem deshalb, weil sie noch immer von den Deutschen profitiere. Jedenfalls ist das ein geflügeltes Wort. Die Hafenstadt am Gelben Meer war von 1898 bis 1919 eine Kolonie des Deutschen Reichs und die Basis des Ostasiengeschwaders der Kaiserlichen Marine.

Verblüffend ist, dass selbst heute, hundert Jahre später, noch viele Menschen der Ansicht sind, Qingdao verlasse sich auf die von den Deutschen erbaute Kanalisation, so gut hätten Kaiser Wilhelms Ingenieure gearbeitet. Sogar umfangreiche Ersatzteillager seien damals angelegt worden, auf welche die Stadt bis heute zurückgreife.

Das mag man gerne hören, zumal viele Chinesen ihr Deutschlandbild auf solche Legenden stützen. So wie die deutschen Ingenieure vor mehr als hundert Jahren, so seien die Deutschen auch heute noch: perfekt, professionell, zuverlässig.

Wie sehr sich die Legende vom deutschen Genie in Qingdao hält, zeigt auch folgendes Beispiel: Als im Sommer 2012 in der Hauptstadt Peking die Kanalisation nach tagelangem schweren Regen zusammenbrach, Qingdao hingegen ein ähnliches Unwetter ohne nennenswerte Folgen überstand, verwies ein Beamter in Peking nur schulterzuckend auf die deutsche Kanalisation. Peking habe nun mal deutsche Ingenieurskunst nicht kennenlernen dürfen.

Mythos von deutscher Perfektion

Wie so vieles, ist natürlich auch das nicht haltbar. Denn 1914 zählte Qingdao nur 55 000 Einwohner. Heute hingegen leben mehr als 4,5 Millionen in der Stadt, dazu drei Millionen in den Vororten. Als Antwort auf den an den Haaren herbeigezogenen Vergleich des Pekinger Beamten verschickten die Stadtväter Qingdaos deshalb eine Pressemitteilung, die den Irrtum aufklärte. Derzufolge existierten von den 2900 Kilometern Kanalisation Anfang des vorigen Jahrhunderts lediglich 3 Prozent. Mit den Deutschen hat also das "Wunder von Qingdao" nichts zu tun.

Immerhin scheint sich in der Stadt das deutsche Know-how erhalten zu haben. Überhaupt ist dem Mythos vom Perfektionismus und Professionalismus der Deutschen in China nichts anzuhaben.

Auf der Website sina.com zum Beispiel verstärkt ein Blogger dieses Bild, indem er schreibt, Deutschlands Küchen sähen aus wie Labors, selbst in Privatwohnungen seien sie klinisch sauber und ausgestattet mit Waagen, Thermometern, Messbechern und Eieruhren. Die deutschen Hausfrauen kochten nicht, sie führten in Wirklichkeit chemische Experimente durch. Und sie hätten für jedes Gericht andere Messer, Geräte und Töpfe.

Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Wenn man mit Chinesen spricht, dann kommt man schnell der Wahrheit näher. Vor allem Chinesen, die schon einmal in Deutschland gelebt haben, wissen zu berichten, dass es auch in Deutschland Diebe gebe - und dass die Züge keineswegs immer pünktlich seien. Von den Bordküchen dieser Züge gibt es leider keine Beschreibungen. Vor allem keine von chemischen Experimenten.

© SZ vom 31.12.2014/gal
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