Deutsch-deutsche Umzüge "Man grüßt sich auf der Straße"

Gabriele Möller-Hasenbeck: "Mein Mann und ich sind das erste Mal 1988 durch Sachsen und Thüringen gereist. Weimar gefiel uns damals so gut, dass wir nicht lange überlegt haben, als sich ein paar Jahre später die Möglichkeit ergab, dort ein Steuerbüro zu eröffnen.

Weimar liegt ja in der Mitte Deutschlands, nicht zu weit von meiner Heimat Baden-Baden entfernt. Die Stadt ist grün und nicht zu groß, man grüßt sich auf der Straße. Anfangs roch es noch anders. Es gab ja wesentlich mehr Kohleöfen als bei uns. Wir waren schon bevor wir nach Weimar gezogen sind, viel auf Dienstreise im Osten, meistens bin ich um die Wochenmitte herum sehr müde geworden, obwohl ich genug geschlafen hatte. Es lag an der schlechten Luft, mir hat wohl der Sauerstoff gefehlt. Groß beunruhigt hat mich das aber nicht. Meine Abenteuerlust war größer.

Gabriele Möller-Hasenbeck, 57, Steuerberaterin. Sie zog 1993 nach Weimar, lebte vorher in Baden-Baden. Ihre beiden Kinder wurden in Thüringen geboren, Weimar ist für sie Zuhause.

(Foto: OH)

Unser Freundeskreis in Weimar ist sehr gemischt, man sucht sich Freunde ja nicht danach aus, wo sie herkommen. Wenn es in Diskussionen um die DDR, die Stasi und solche Themen geht, dann halten mein Mann und ich uns meistens raus. Wir kennen die Lebensumstände von damals nicht genug und wollen uns kein Urteil erlauben.

Ich werde immer gefragt: Was macht ihr denn, wenn ihr aufhört zu arbeiten - bleibt ihr hier? Ich frage dann zurück: Ja, wo soll ich denn hin? Weimar ist mein Zuhause. Mein Sohn und meine Tochter sind hier geboren, er studiert in Regensburg, sie in Schottland. Beide werden wohl nicht nach Weimar zurückkommen, weil der Arbeitsmarkt nicht das hergibt, was sie brauchen. Wenn mein Sohn doch mal gefragt wird, wo denn Weimar liegt, sagt er: Leute, habt ihr im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst? Die Kategorien Ost und West gibt es für sie nicht mehr. Für mich eigentlich auch nicht.

Erst nachdem ich in Köln beim Karneval zu Bernd Stelter auf die Bühne gegangen bin, um ihm zu sagen, dass ich seine Witze nicht lustig finde, habe ich viel böse Post bekommen, in der es um mein vermeintliches Ostdeutschsein ging. Offenbar ist das Thema auch nach 30 Jahren noch nicht durch."