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Deutschland und Griechenland:Des Strebers Einsamkeit

Wenn der Bully auf dem Schulhof seine Stärke demonstriert, rücken die Schwachen umso enger zusammen. Im Umgang mit Griechenland sollte Deutschland sich daher hüten, als besserwisserische Vorzeigenation aufzutreten.

Jede Aufwallung um Griechenland und sein Schuldenproblem hält eine wichtige Lehre für Deutschland parat: Es ist ziemlich kompliziert, der Primus auf dem Schulhof zu sein. Der Streber mag bewundert werden, und manchmal liebt er sich selbst zu sehr in der Rolle des Musterschülers. Aber wehe, wenn er mit dem Finger auf andere zeigt . . .

Weil sich die Beziehungen zwischen Staaten nicht wirklich auf dem Pausenhof abspielen, flößt die selbsternannte Vorzeigenation Deutschland ihren Nachbarn häufig nicht nur Respekt ein; Respekt schlägt schnell um in Wut und Zorn, wenn die Berliner Weltsicht mit der eigenen kollidiert. Deutschland mag sich nicht als übermächtig sehen; aus der Perspektive seiner Euro-Freunde ist der ökonomische Halb-Hegemon auch ein politisches Schwergewicht. Muss Berlin deshalb schweigen, oder darf es etwa zu den griechischen Wahlen eine Warnung ausgeben?

Die Antwort ist nicht eindeutig: Es kommt darauf an - auf Zeitpunkt, Lautstärke, den Ton. Die Warnung an die griechische Syriza ist gerechtfertigt, weil es deren Parteivorsitzender Alexis Tsipras ist, der Hoffnungen bei seinen Wählern weckt, die am Ende nur auf Kosten anderer europäischer Staaten und Geldgeber eingelöst werden können. Das darf man ihm und seinen Anhängern durchaus mitteilen. Andererseits kann eine Wahl-Warnung genau das Gegenteil bewirken: Wenn der Bully auf dem Schulhof seine Stärke demonstriert, rücken die Schwachen umso enger zusammen.

Die Berliner Euro-Logik will sich in Europa nicht durchsetzen

An dieses Dilemma muss sich die deutsche Politik gewöhnen. Allen wohl und keinem weh geht nicht immer, aber kluge Politik zeichnet sich eben auch dadurch aus, dass sie einen Showdown auf offener Bühne vermeidet. Hier liegt das eigentliche Problem der Bundesregierung. Sie hat es in all den Jahren der Euro-Krise nicht geschafft, den zentralen Konflikt in der europäischen Währungs- und Wirtschaftspolitik auszuräumen: Sollen sich die Volkswirtschaften gesundreformieren und -sparen - oder sollen sie sich gesundstimulieren?

Tsipras gibt nun seine Antwort, ohne den Preis dafür zahlen zu wollen: Schuldenerlass, Ende der staatlichen Zurückhaltung. Sein Erfolg könnte andere - in Spanien, in Italien - zur Nachahmung ermuntern. Frankreichs Zauder-Präsident François Hollande hat auch zum Jahreswechsel wieder einmal vorgemacht, dass es sich ganz gut leben lässt in der Rolle des Halbreformers.

Möglicher Euro-Austritt Griechenlands

Linkspopulistische Syriza lässt sich nicht einschüchtern

Im Falle eines Erfolgs der linken Syriza-Partei bei der Wahl in Griechenland zieht jetzt auch Frankreichs Präsident Hollande den Euro-Austritt des Landes in Betracht. Anleger fürchten dieses Szenario, der Athener Leitindex bricht ein.

Die Euro-Krise ist ein Dekadenereignis, das spürt man nun wieder. Sie geht nicht einfach vorbei oder lässt sich per Dekret lösen. Die orthodoxen Griechen mögen die Erscheinung des Herrn am 6. Januar feiern. Ihr Währungsproblem ist aber alles andere als eine Epiphanie; es passt eher zur Mythologie des Landes, wo das Schlitzohr Sisyphos verdammt wurde, wieder und wieder die immer gleiche Arbeit zu verrichten. Wie es scheint, ist auch die Bundesregierung zu dieser Strafe verurteilt: Ihre Rettungslogik will offenbar nicht einleuchten. Jahr um Jahr muss sie wieder dafür werben. Mal klug, mal lautstark.