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Deutschland:Tübinger Tatsachen

Boris Palmer, Oberbürgermeister des deutschen Volksempfindens, hat sich Gedanken über Vernunft und Emotion in der Politik gemacht.

Berlin-Tour mit Tübingens Oberbürgermeister Palmer

Irgendwie lustig, dieses Berlin. Aber nicht nur: Boris Palmer am Potsdamer Platz.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Von Freunden bekommt Boris Palmer seit Jahren den gleichen Rat: Bevor er etwas auf Facebook poste, solle er den Text doch bitte noch von irgendjemand gegenlesen lassen - so ließe sich ja vielleicht manche Aufregung verhindern. Die Wahrheit ist womöglich, dass Palmer die Verhinderung von Aufregung gar kein Herzensanliegen ist. Wenn er von einem Rowdy-Radler mit dunkler Haut geschnitten wird, nimmt er das sehr bereitwillig zum Anlass für ein paar grundsätzliche Bemerkungen über integrationsresistente Asylbewerber. Facebook ist für ihn der Sendeplatz, auf dem er weit über die Mauern der schönen Stadt Tübingen hinaus den politischen Diskurs mitprägen kann, vorzugsweise bei seinem Lieblingsthema Flüchtlinge.

Palmer, 47, ist formal der Oberbürgermeister von Tübingen, gefühlt aber inzwischen mehr der Oberbürgermeister des deutschen Volksempfindens. Für die einen ist er ein Mann, der unbequeme Wahrheiten ausspricht; für die anderen, zu denen zahlreiche seiner grünen Parteifreunde gehören, ein rhetorischer Zündler. Zum zweiten Mal gießt Palmer seine Thesen nun in die Form eines Buches, was den eminenten Vorteil bietet, dass das Gegenlesen durch einen Lektor einen festen Platz im Prozess hat. "Erst die Fakten, dann die Moral" heißt das Werk, und im Kern ist es die Klage Palmers darüber, dass die Wirklichkeit, die er in seinen Facebook-Beiträgen zu beschreiben glaubt, von seinen Kritikern geleugnet - und er für die bloße Beschreibung als "Rassist" oder "Hetzer" diskreditiert wird.

Im Gegensatz zu "Wir können nicht allen helfen", seinem 2017 erschienenen Buch über die Flüchtlingsdebatte, weitet Palmer diesmal den Blick auf neun sehr unterschiedliche Themen, bei denen er jedoch das gleiche Phänomen am Wirken sieht: Faktenbasierte Entscheidungen würden durch moralisierende Bewertungen erschwert oder gar unmöglich gemacht. Windräder, Tierversuche, Fahrverbote: Überall sieht Palmer die Republik in einer "Tatsachenkrise". Beispiel Dieselmotor, der nun mit großer Empörungsgeste verdammt werde, obwohl etwa am Neckartor, Stuttgarts schmutzigster Kreuzung, laut Messungen nur sechs Prozent des Feinstaubs aus Dieselabgasen stamme. "Ein vielfach größeres Problem ist Reifen- und Bremsabrieb", schreibt Palmer, und das betreffe alle Fahrzeuge. "Wie will man dem Fahrer eines Dieselautos also erklären, dass sein Fahrzeug wegen erhöhter Feinstaubemissionen ausgesperrt wird, während alle anderen weiterfahren dürfen?"

Anders als oft auf Facebook liefert das Buch einen kurzweiligen und konstruktiven Debattenbeitrag

Politik beginne mit dem Betrachten von Wirklichkeit, zitiert Palmer Kurt Schumacher, den ersten Vorsitzenden der Nachkriegs-SPD. Man könnte das für eine Binse halten, aber Palmer bemängelt, dass heute viele Politiker - auch und gerade seiner Partei - den Eindruck machten, als gelte das für sie nicht. Lieber würden sie sich mit pseudo-moralischen Argumenten über den Debattengegner erheben. Palmer schildert, wie in Tübingen Tierschützer mit drastischen Aktionen die medizinische Forschung an Affen stoppten. Dabei lege die Vernunft nahe, so Palmer, dass streng begrenzte und kontrollierte Tierversuche notwendig seien, um etwa Demenzerkrankungen zu bekämpfen.

Boris Palmer
Erst die Fakten, dann die Moral

Boris Palmer: Erst die Fakten, dann die Moral. Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss. Siedler-Verlag, München 2019. 240 Seiten, 20 Euro.

Es tut dem Buch gut, dass Palmer es mit der bodennahen Autorität des erfolgreichen Kommunalpolitikers verfasst hat, der - wie er ein wenig romantisierend feststellt - es sich schlichtweg nicht leisten kann, die Wirklichkeit außer acht zu lassen. Er führt nicht auf jeder der 240 Seiten die Intoleranz der angeblich Toleranten vor, sondern zeigt in einer Variation seiner Grundthese auch überzeugend, wie oft irrationale Ängste in irrationalen Regeln münden. Im Hof des Tübinger Schlosses, rechnet der studierte Mathematiker Palmer vor, dürften wegen eines acht Zentimeter zu schmalen Fluchtweges keine Theateraufführungen mehr stattfinden - obwohl der einzig denkbare Fluchtgrund ein "Kometeneinschlag" sei.

Facebook-Fans von Boris Palmer werden manchen Gedanken schon dort gelesen haben, allerdings weder so ausführlich noch so präzise. Im Internet hat Palmer durch Verkürzung und Zuspitzung auch immer wieder mal selbst Stimmungen bedient, die Wirklichkeit überlagern. In seinem Buch liefert er einen ebenso konstruktiven wie kurzweiligen Debattenbeitrag. Auch wenn ganz nebenbei deutlich wird, dass sich bei der Betrachtung von Fakten schon immer die Frage stellt: Wessen Fakten eigentlich?