Deutschland spricht Wandel durch Annäherung

"Ein echtes Experiment": Teilnehmer bei "Deutschland spricht" im Berliner Radialsystem.

(Foto: ALEXANDER PROBST; Alexander Prost für Zeit Online)
  • Die Aktion "Deutschland spricht" hat mehr als 4000 Gesprächspaare zusammengebracht, die verschieden ticken, aber miteinander reden.
  • Schirmherr der Aktion, die von elf Medienhäusern getragen wird, ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Von Iris Mayer, Berlin

Bevor Deutschland spricht, steht es erst mal auf und applaudiert dem Bundespräsidenten. Frank-Walter Steinmeier betritt am Sonntag die Bühne des Berliner Radialsystems, er ist Schirmherr der Aktion, für die sich elf Medienhäuser (u. a. Zeit Online, "Tagesschau", SZ und Spiegel Online) zusammengeschlossen haben, um politisch Andersdenkende ins Gespräch zu bringen. Als die Gäste wieder sitzen, sagt Steinmeier, für viele Menschen sei es ein Wagnis, "ein echtes Experiment, für ein paar Stunden die Klischees und Komfortzonen, denen wir alle auf unterschiedliche Art und Weise anhängen, hinter uns zu lassen".

Auf dieses Wagnis lassen sich am Sonntag 8470 Menschen ein. Sie treffen sich im ganzen Land zu Zweiergesprächen über Fragen wie "Sollten Deutschlands Innenstädte autofrei werden?", "Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren?" oder "Sollte Fleisch stärker besteuert werden, um den Konsum zu reduzieren?" Es streiten zwischen Flensburg und Oberstdorf 3409 Studierende, 1464 Unternehmer, 1308 Wissenschaftler. Es diskutierten 1307 Lehrer, 293 Krankenschwestern, 49 Pfarrer, 14 Taxifahrer, neun Feuerwehrleute. Es verlassen ihre Blase 2804 Männer und Frauen, die sich als Freund von gutem Essen bezeichnen, 4568 Teilnehmer, die gerne Fernsehen, Netflix oder Serien schauen. Sie alle kennen die Antworten ihres Gegenübers auf die sieben Ja-Nein-Fragen und die persönliche Vorstellung. 311 schreiben ihrem Partner, dass sie Yoga machen, 16 dass sie keinen Fisch mögen.

"Wir sind uns nicht einig, aber wir verstehen uns prima"

In München treffen sich ein schnitzelliebender Staatsanwalt und eine vegan lebende Ergotherapeutin, in Chemnitz ein AfD-naher Pastor mit einem liberalen Unternehmer, im Berliner Radialsystem Busfahrer Henrik Mehl und Engelbert Diegmann, der eine Hilfsorganisation für krebskranke Kinder aufgebaut hat. Beide Männer haben die sieben Ja-Nein-Fragen aus der Anmeldung entgegengesetzt beantwortet, könnten also den größtmöglichen Gegensatz an diesem Sonntag verkörpern. Tun sie aber nicht, weil Mehl gerne lacht und Diegmann die Welt gerne positiv sieht. "Wir sind uns nicht einig, aber wir verstehen uns prima. Und im normalen Leben wären wir uns nie begegnet", sagen beide unisono.

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Mehl vermisst Konzepte in der Politik, Diegmann entgegnet: "Es gibt keine einfachen Lösungen für komplizierte Probleme." Mehl findet: "Autos gehören einfach dazu in den Städten", Diegmann rechnet vor, wie viel Platz parkende Pkws in Berlin verbrauchen, den man viel besser nutzen könnte. Überzeugen kann Diegmann sein Gegenüber damit nicht, aber Mehl sagt: "Ich denke zumindest drüber nach." Beide sind überrascht, dass ihr jeweiliges Gegenüber auch Punkte hat, die bedenkenswert sind. Wenn Mehl Regierungschaos beklagt und Neuwahlen fürchtet, wirft Diegmann ein: "Stimmt doch gar nicht, wir haben eine stabile Regierung." Er lacht: "Ich muss den Henrik immer runterholen von der Verallgemeinerung." Und auch wenn beide unterschiedliche Positionen in der Flüchtlingsfrage vertreten, sie werden sich einig, dass die Migrationsdebatte von viel wichtigeren Fragen wie etwa der Rente ablenkt. "Wir würden vielen Leuten wünschen, dass sie solche Gespräche haben." Und sie eint ein Ziel: "Wir wollen ein Selfie mit dem Bundespräsidenten." Das klappt nicht ganz, es wird ein Gruppenbild auf der großen Bühne, immerhin.

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(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Rudolf Jirka ist extra aus Landsberg am Lech angereist, um den Bundespräsidenten live zu sehen. "Aufgeregt war ich aber nicht beim Foto", sagt er. Auch Jirkas Gesprächspartner Rüdiger Haars bleibt cool. Beide sind sich in ihren politischen Ansichten recht nah, die "Fleischfrage zum Beispiel war mir wurscht", sagt Haars. Für Jirka ist klar, dass Tierwohl und Massentierhaltung nicht zusammengehen und eine Fleischsteuer hermuss. Haars hätte lieber mit jemandem geredet, der gegensätzlicher tickt als er selbst, Jirka hätte gern eine Frau getroffen. Nicht immer matcht der Algorithmus Paare, die weit auseinanderliegen. Gibt es keinen Gesprächspartner im Postleitzahlengebiet mit unterschiedlichen Ansichten, schlägt die Datenbank jemanden mit ähnlichen Ansichten vor.

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Gegensätze werden gesucht am Sonntag, aber nicht um sie zu betonen, sondern um sie zu überbrücken. Einen Dialog führen, über Trennendes hinweg, sagt Bundespräsident Steinmeier. Außenminister Heiko Maas (SPD) fragt dazu auf Twitter: "Miteinander reden, statt übereinander - das ist großartig! Kriegen wir das ab jetzt jeden Tag hin?"

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