Süddeutsche Zeitung

Deutschland nach Zweitem Weltkrieg:So entstand der "Trümmerfrauen"-Mythos

Die Historikerin Leonie Treber hat Geschichte, Soziologie und Germanistik an der TU Darmstadt studiert und volontierte bei einem Verlag.

Nach mehreren Forschungsjahren hat sie eine faktengesättigte Monografie mit einem Ergebnis vorgelegt, das viele Menschen überrascht und einige empört. Demnach ist es ein Mythos, dass vor allem die "Trümmerfrauen" nach dem Zweiten Weltkrieg die zerbombten deutschen Städte aufgeräumt und hergerichtet haben. Diese Frauen hat es Treber zufolge in der Zahl, wie das deutsche Kollektivgedächtnis sich zu erinnern meint, nicht gegeben.

Wie es zu der Mythenbildung kam, erklärt Treber im folgenden Interview.

Von Oliver Das Gupta

SZ: Frau Treber, Sie haben festgestellt, dass das bislang kolportierte Bild der "Trümmerfrauen" so nicht stimmt. Wer hat denn dann in Deutschland den Schutt des Krieges weggeräumt?

Leonie Treber: Das waren verschiedene Gruppen in unterschiedlichen Phasen. Während des Krieges schafften verschiedene Organisationen des NS-Regimes wie der Sicherheits- und Hilfsdienst den Schutt weg, der infolge der alliierten Bombenangriffe in deutschen Städten angefallen war. Auch Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge wurden herangezogen, weil die Trümmerräumung als Strafarbeit galt.

Was änderte sich nach dem Kriegsende im Mai 1945?

Die Besatzungsmächte und deutschen Stadtverwaltungen übernahmen zunächst dieses Prinzip: Deutsche Kriegsgefangene und ehemalige Mitglieder der NSDAP mussten als Sühne diese Tätigkeiten verrichten. Schon bald wurde aber klar, dass man die 400 Millionen Kubikmeter Schutt mit Laien nicht so schnell und wirksam entfernen kann.

Wie wurde das Problem gelöst?

Vor allem im Westen setzte man auf Professionalisierung. Es wurden Trümmerverwertungsgesellschaften gegründet und Aufträge an Baufirmen vergeben. Daneben gab es vor allem in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) auch Einsätze, in denen Arbeitslose eingespannt wurden - Männer und Frauen. Diese Menschen arbeiteten dort jedoch zumeist nicht freiwillig, sondern wurden verpflichtet oder standen mindestens unter hohem sozialen Druck. Für die eingesetzten Frauen kannte man in Berlin bald eine Bezeichnung: "Trümmerfrauen".

Also waren "Trümmerfrauen" zumeist zwangsverpflichtete Berlinerinnen?

Die Begrifflichkeit ist ein zentraler Punkt. Damals war klar: Eine "Trümmerfrau" ist eine so genannte "Bauhilfsarbeiterin", die in Berlin und den Städten der SBZ Schutt räumt, um Lebensmittelmarken zu erhalten. Heute verstehen wir unter "Trümmerfrauen" allgemein diejenigen deutschen Frauen, die das schwierige und entbehrungsreiche Leben in der Nachkriegszeit gemeistert haben. Diese umfassende Verallgemeinerung des "Trümmerfrauen"-Begriffs ist jedoch erst in den 1980er Jahren mit den Rentendebatten um das "Babyjahr" und die Frauengeschichtsschreibung entstanden.

Konnten Sie feststellen, wie viele "Trümmerfrauen" in Berlin arbeiten mussten?

Im Mai 1946 waren es etwa 26.000 Frauen - und das war laut den Arbeitsamt-Statistiken dann auch der Höchststand. Es handelte sich demnach nicht um ein Massenphänomen. Denn in Gesamtberlin gab es damals etwa 500.000 Frauen im arbeitsfähigen Alter.

Gab es in den drei westlichen Besatzungszonen - der späteren Bundesrepublik - auch solche Zwangsverpflichtungen?

Im Westen findet man solche Phänomene so gut wie gar nicht, am ehesten noch in der britischen Besatzungszone. Insgesamt setzte man stark auf die erwähnte Professionalisierung. Zusätzlich gab es so genannte Bürgereinsätze, bei denen es umstritten war, ob auch Frauen mithelfen sollten. Man wollte die Frauen vor der schweren Arbeit schützen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der Terminus "Trümmerfrau" damals in keiner Weise für Frauen benutzt wurde, die auf privaten Grundstücken Schutt weggeräumt, oder freiwillig bei einem Bürgereinsatz mitgemacht haben.

Wenn den Begriff "Trümmerfrau" im Westen niemand kannte, drängt sich die Frage auf, ob das Wort eine Erfindung der sozialistischen Propaganda war.

Fakt ist: Der Begriff der "Trümmerfrau" ist 1946 und 1947 in Berlin geprägt worden. Gerade in Berlin, aber auch in der SBZ gab es regelrechte Medienkampagnen. Ob der Begriff jedoch in der oftmals sozialistisch gelenkten Presse entstanden ist und von den Menschen auf der Straße übernommen wurde, oder ob das Wort aus der Umgangssprache von den Zeitungen aufgeschnappt und verbreitet wurde, ist unklar.

Welchen Inhalt hatten diese Medienkampagnen?

Es wurde ein äußerst positives Bild dieser Frauen vermittelt: Dass sie sich freiwillig und mit Freude in die harte Arbeit stürzen und den Schutt wegräumen, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Die PR war auch enorm wichtig, weil die Trümmerräumer - wie zuvor erwähnt - stigmatisiert waren und solche schweren Jobs bis dahin eigentlich nicht von Frauen erledigt werden sollten. Deshalb wurde das Bild der "Trümmerfrau" positiv aufgeladen mit den Stereotypen, die wir noch heute mit dem Begriff verbinden.

Wie sind die Fotos entstanden, die fleißige Frauen in Ruinenlandschaften beim Steineklopfen zeigen?

Bei vielen Fotos ist der Kontext ihrer Entstehung nicht mehr nachvollziehbar. Die Mehrzahl der überlieferten Bilder ist in Berlin entstanden. Manche, wie oft gezeigte Fotos aus Dresden, auf denen Frauen geschminkt und in guter Kleidung zu sehen sind, wurden sehr wahrscheinlich inszeniert. Manchmal handelt es sich auch um Studentinnen, die in vielen Städten erst dann zur Universität zugelassen wurden, wenn sie beim Enttrümmern halfen. Spätere Bildunterschriften bezeichneten sie dann nicht mehr als "Studentinnen beim Pflichteinsatz", sondern als "Trümmerfrauen".

Frau Treber, viele Menschen stören sich an Ihren Forschungsergebnissen. Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Befund mitunter große Empörung auslöst?

Eigentlich schon. In den vielen Jahren, in denen ich mich wissenschaftlich mit dem Mythos Trümmerfrauen beschäftige, wurde mir schon bald klar, dass das Thema emotional stark besetzt ist. Die tradierten Bilder sitzen einfach in unseren Köpfen fest.

Im vergangenen Jahrhundert sind in Deutschland ja auch nicht gerade viele positive Mythen entstanden.

Die Vorstellung, dass die Frauen in Deutschland die Trümmer des Kriegs weggeräumt haben, ist ja auch schön, es ist eine Erfolgsgeschichte, von der man nur ungern lassen will. Da steckt so viel drin: Die Trümmerfrauen als Vorreiterinnen des Wirtschaftswunders, als Ikonen der Gleichberechtigung. Das positive Selbstbild der Frauen, das Bild der Kinder- und Enkelgeneration von ihren Müttern und Großmüttern.

Leonie Treber: Mythos Trümmerfrauen. Klartext-Verlag, 2014. 483 S., 29,95 Euro.

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