bedeckt München 22°

Putschversuch in der Türkei:In Deutschland häufen sich Angriffe auf Gülen-Anhänger

Die Sorge, dass es auch in Deutschland zu Gewaltausbrüchen kommen könnte, hat sich nur vereinzelt bewahrheitet.

(Foto: Markus Schreiber/AP)
  • Nach dem Putschversuch in der Türkei klagen Vertreter der Erdoğan-kritischen Gülen-Bewegung in Deutschland, von Kurden und Aleviten sowie die Türkische Gemeinde in Deutschland klagten über wachsende Anfeindungen
  • Eine Gülen-nahe Schule in Stuttgart steht unter Polizeischutz.
  • Die Stimmung in den türkischen Migrantengemeinden in Deutschland ist schon seit Monaten aufgeheizt.

Von Ronen Steinke

In der Türkei greift nach dem gescheiterten Putschversuch vom vergangenen Freitagabend die Gewalt um sich, in Deutschland aber hat sich die verbreitete Sorge vor einer "Ansteckung" mit ihr bislang nicht bewahrheitet. Spontandemonstrationen von Anhängern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gab es in fast allen deutschen Großstädten. Nur in Stuttgart und Köln kam es zu vereinzelten Stein- und Flaschenwürfen. "Nur", denn das ist bei Aufzügen dieser Art eigentlich eine überschaubare Bilanz: Nach Ansicht des Bundeskriminalamts sowie des Bundesamts für Verfassungsschutz darf man diese Lage als "eher ruhig" zusammenfassen. Womöglich, weil Kritiker Erdoğans gleich vorsorglich auf Abstand geblieben sind.

Sorge macht eher die zunehmende verbale Hetze, vor allem im Internet. Vertreter der Erdoğan-kritischen Gülen-Bewegung, von Kurden und Aleviten sowie die Türkische Gemeinde in Deutschland klagten über wachsende Anfeindungen. In sozialen Netzwerken beobachtet auch das BKA eine bisher nicht gekannte Aggression gegen Anhänger der Gülen-Bewegung, die vom türkischen Präsidenten für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird. "Wir nehmen diese Drohungen sehr ernst", sagte der Vorsitzende der Stiftung Dialog und Bildung (Hizmet), die in Deutschland die Gülen-Bewegung vertritt, Ercan Karakoyun. Es müsse sich erst noch zeigen, ob die Welle der Aggression schon vorbei ist.

Steine gegen Jugendcafé

Einrichtungen, die von Gülen-nahen Organisationen betrieben werden, gibt es in Deutschland in fast jeder größeren Stadt. Hizmet betreibt hier Schulen, Jugendtreffs, Nachhilfezentren und mehrere Vereine. Die Stiftung sagt, damit zählten etwa 100 000 Menschen zu ihrem Umfeld, eine kleine Minderheit im Vergleich zu insgesamt etwa 1,5 Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland. Vor zwei Jahren diskutierten die Innenminister der Länder einmal, ob der Verfassungsschutz die Gruppe nicht beobachten solle. Am Ende konnte man antidemokratische Bestrebungen aber nicht erkennen und entschied sich dagegen.

"Wir wollen nicht, dass solche Konflikte in Deutschland mit Gewalt auf den Straßen ausgetragen werden", warnte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Donnerstag. Im nordrhein-westfälischen Gelsenkirchen hatten zuvor am Samstagnachmittag etwa 150 Erdoğan-Anhänger ein Jugendcafé belagert, das sie der Gülen-Bewegung zuordneten, und mit Pflastersteinen die Scheiben eingeworfen. Verletzt wurde niemand, auch ein ähnlicher Vorfall in Augsburg endete glimpflich.

In Stuttgart hieß es, eine Gülen-nahe Schule erhalte jetzt Polizeischutz; ein Schritt, den man in Wahrheit aber abgelehnt habe, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums auf Nachfrage sagt. In Hamburg, einer der Städte mit der größten türkischen Bevölkerung im Land, haben die Behörden noch lebhaft in Erinnerung, wie es im Oktober 2014 zu heftigen Ausschreitungen zwischen Kurden und Salafisten kam. Es ging damals gewissermaßen stellvertretend um die Kämpfe um die türkisch-syrische Grenzstadt Kobanê: 14 wurden verletzt, vier von ihnen schwer. Von einer ähnlichen Eskalation sei bislang nichts zu spüren, heißt es bei Landeskriminalamt und Hamburger Verfassungsschutz. Die Lage sei ruhig.

Angebliche Telefon-Hotline zur Denunzierung

Möglich, dass sich in die heftigen gegenseitigen Anfeindungen derzeit auch Übertreibungen mischen, so deutet es zumindest das Bundeskriminalamt an. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoğlu, zählt zu den Erdoğan-Kritikern, und von ihm stammt aktuell der Vorwurf, der türkische Präsident habe sogar eine Telefon-Hotline eingerichtet, über die man türkische Oppositionelle in Deutschland denunzieren solle. Das BKA hat gründlich gesucht, eine derartige Hotline aber nirgends finden können.

Politisch aufgeheizt war die Stimmung in den türkischen Migrantengemeinden in Deutschland schon seit Monaten. Auf den Terroranschlag in der türkischen Grenzstadt Suruç, der sich just an diesem Mittwoch zum ersten Mal gejährt hat, folgte das Wiederaufflammen des Kurdenkonflikts, der giftige Disput um die Armenien-Resolution des Bundestages und stets auch hasserfüllter Streit in Deutschland.

© SZ vom 22.07.2016/anri

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite