Süddeutsche Zeitung

Deutschland:Her mit Heimat

Ulrich Wickert, ehemals Mister Tagesthemen, hat eine Streitschrift verfasst, mit der er die Deutschen mit ihrem Land versöhnen will. Es geht ihm um eine Mischung aus französischen Werten und amerikanischer Freiheit.

Düfte lösen bei Ulrich Wickert ein Heimatgefühl aus. In Paris sind es etwa stickige Luft aus Metroschächten oder frische Baguettes. Der einstige "Mister Tagesthemen" und Frankreich-Erklärer hat soeben eine kleine Streitschrift vorgelegt mit dem Titel "Identifiziert euch! Warum wir ein neues Heimatgefühl brauchen". Solche Appelle sind angesichts der Erfolge der AfD, die sich ja gern die Begriffe Heimat, Volk, Nation, Deutschsein und neuerdings auch Bürgerlichkeit auf die Fahnen heftet, gerade en vogue. Viele Essayisten leiten dann Begriffe akribisch her, und es wird politologisch-soziologisch-philosophisch argumentiert, dass dem Leser oft die Sinne schwinden.

All das ist Wickerts Sache nicht. Der Journalist bleibt gern bei den Leuten. Er zitiert zwar auch einige Denker und Philosophen, aber er flaniert lieber durch die Themen und Begriffe. Er beginnt mit einer leider offenbar unvermeidlichen Politikerkritik, mit einem bunten Strauß von Themen, was in Deutschland alles nicht funktioniert, es folgt ein Appell, es mit der "puritanischen Sprachreinigung" nicht zu übertreiben. Höflichkeit, Respekt und Ordnung sind ihm wichtig. Im Großen setzt Wickert auf ein Modell aus französischen Werten und amerikanischer Freiheit. Verantwortung ist sein Schlüsselbegriff. Jeder soll sie übernehmen für Deutschlands Zustand. Klingt simpel, damit wäre aber schon viel gewonnen. Deutsche Düfte sind dazu gar nicht notwendig.

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Quelle:
SZ vom 16.09.2019
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