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Deutschland:Für eine Handvoll D-Mark

Thomas Oberender: Empowerment Ost. Wie wir zusammen wachsen. Tropen-Verlag, Stuttgart 2020. 112 Seiten, 12 Euro.

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, blickt nach 30 Jahren auf die Deutsche Einheit. Er beschreibt drastisch, aber nicht unzutreffend "die koloniale Matrix der Macht" des Westens.

Von Cornelius Pollmer

Es ist kein Zufall, dass dieses Buch über Ostdeutschland auf einen Abend in Griechenland zurückgeht. Kein Zufall, dass Thomas Oberender bei seinem Vortrag in Platons Garten Akademeia feststellt, die Gestaltung der deutschen Wiedervereinigung sei in gewisser Hinsicht "eine Blaupause dafür, wie die Europäische Union Griechenland geholfen hat. Die Troika und die Treuhand prägt der gleiche Geist". Kein Zufall, dass der 1966 in Jena geborene Oberender - Autor, Kurator und Intendant der Berliner Festspiele - in diesem Vergleich überdies einen "erlebten Undank" thematisiert: "Wie kommt das nur, dass uns die Griechen nicht mögen, obwohl wir ihnen so viel Geld geben, so viel Geld!"

"Empowerment Ost" heißt dieser Beitrag Oberenders, er ist vor allem ein Aufruf an die, wenn man so will, eigenen Leute, sich skeptisch und selbstbewusst mit Prozessen des deutsch-deutschen Zusammenwachsens auseinanderzusetzen und mehr noch mit dem, was daraus folgt für die Gegenwart und für die Zukunft. Bis vor fünf Jahren, schreibt Oberender, habe er keinen Grund gesehen, sich noch einmal mit der DDR und ihrer Abwicklung zu befassen. Dass er dies jetzt getan hat, ist ein Gewinn für all jene, die die führenden Meinungslager zum Thema Innerdeutschland aus gewiss sehr unterschiedlichen Gründen alle ein bisschen doof finden.

Als fast verblendet darf einem inzwischen die Jetzt-ist-aber-mal-gut-Gruppe erscheinen, die alle historischen Gemeinheiten und alle gegenwärtigen Unterschiede gerne ignorieren möchte und überdies findet, der Osten habe längst genug Airtime bekommen fürs Hetzen und Pöbeln und für das Lecken eigener Wunden. Von dieser Airtime gehen eklatante Unterschiede nicht weg, diese zu thematisieren kann immer nur der Anfang an. Mindestens ahistorisch wiederum darf einem manche ostdeutsche Identitätsmodeerscheinung vorkommen. Deren sprechende und schreibende Protagonisten überbetonen ihre innerdeutsche Andersartigkeit nicht zuletzt deswegen mutwillig, weil derlei in der Aufmerksamkeitsökonomie mit Endlich-twittert's-mal-einer-Likes und hellem Studiolicht belohnt wird.

Das Raunen der Unterzeile "Wie wir zusammen wachsen" wird leider nicht eingelöst

Oberenders Sicht liegt dazwischen. Er beschreibt drastisch, aber nicht unzutreffend "die koloniale Matrix der Macht" des alten Westens und er bedauert eine Verdrängung selbst "des kulturellen Ostens aus dem Osten", die heute so gravierende Folgen hat, dass dieser Osten eben nicht auf den Schlussstrich gehen sollte für ein paar D-Mark fuffzich, davon kann sich nämlich niemand etwas kaufen. Gleichzeitig aber ist Oberender offen für und interessiert an neuen Bewegungen wie der Gruppe "Aufbruch Ost", weist jedoch darauf hin, dass Identität mehr umfassen sollte als einen Bezug zu regionaler Herkunft.

Wenn das Buch nun doch ein wenig hinter dem zurückbleibt, was sein Titel verspricht, dann weil das Raunen der Unterzeile "wie wir zusammen wachsen" kaum eingelöst wird. Thomas Oberender schreibt mit gerechter und beherrschter Wut sehr viel über damals - konkretere Ideen zur gesellschaftlichen Zukunft als die erloschene Vokabel der "Augenhöhe" hat er leider nicht.

© SZ vom 21.09.2020

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