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Deutschland:Europas zögerlicher Hegemon

Angela Merkel Bundeskanzlerin CDU Europa

Angela Merke im Jahr 2012 auf einer CDU-Veranstaltung in Hannover.

(Foto: AFP)

Deutschland ist Europas führende Macht, daran führt kein Weg vorbei. Berlin muss also einen Weg finden, mit dieser Macht umzugehen, ohne Europa zu zerstören. Ein Blick auf die USA könnte helfen.

Gemessen an Politikertreffen heutzutage waren die Versammlungen der Stände des Heiligen Römischen Reiches durchaus kommod. Man reiste mit großem Gefolge, blieb Monate, ließ Musikanten und Gaukler aufspielen. Natürlich wurde beraten, gefeilscht und entschieden - das Reich war ein kompliziertes Gebilde. Macht musste gewogen und verteilt werden. Die Sache zog sich also.

Heute tagt Europas Ständeversammlung in Brüssel in fensterlosen Sälen und nennt sich Rat. Die Präsidenten und Premiers reisen in kleinen Flugzeugen und wollen abends wieder zu Hause sein. Allerdings bürgerte sich die unschöne Sitte ein, dass Sitzungen durchaus die gesamte Nacht in Anspruch nehmen können. Erschöpfung und Gereiztheit führen dann auch zu einem Ergebnis.

Bekannt ist, dass besonders eine Dame diese Selbstzermürbungsübung beherrscht. Neu ist hingegen, dass diese Dame die Verhandlungen quasi monopolisiert. Als sich am 12. und 13. Juli 19 Staats- und Regierungschefs in Brüssel versammelten, um Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren, war es Angela Merkel, die Stunde um Stunde mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras und dessen Sekundanten François Hollande stritt. Währenddessen mussten 16 Regierungschefs im Wartezimmer Platz nehmen. Das Ergebnis wurde am frühen Morgen mitgeteilt und zustimmend zur Kenntnis genommen. Wer die Verhältnisse im neuen Europa verstehen will, muss dieses Wartezimmer der Macht vor Augen haben.

Die Erfahrung mit der neuen deutschen Stärke ist so neu nicht. Schon wenige Jahre nach dem Mauerfall prophezeiten Historiker wie Hans-Peter Schwarz diese Gewichtsverschiebung. Nach dem Finanz-Crash von 2008 und mit Fortdauer der Euro-Krise wurde die Dominanz Deutschlands in der europäischen Politik auch tatsächlich spürbar. Die Griechenland-Tragödie der vergangenen Wochen hat diese beinah-hegemonialen Verhältnisse in all ihren hässlichen und gefährlichen Ausformungen wieder ans Licht gebracht.

Von Yanis Varoufakis bis Paul Krugman gibt es jetzt ein Feindbild: Imperialismus, Diktat, Unterdrückung, Knechtschaft, blindes Machtstreben, ökonomische Folter - das Prügelvokabular zum Beleg der Schlechtigkeit Deutschlands ist ansehnlich. Sollten andere Nationen - etwa Finnland, Estland oder Spanien - die griechische Rettungslogik ebenso abgelehnt haben, dann wurden sie nicht ernst genommen. Wer gleicher Meinung war wie Merkel, war entweder gekauft, geschickt oder sonst wie instrumentalisiert. Zurück blieb Deutschland als finsterer Strippenzieher, eine europäische Allmacht.

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Erstaunlicherweise wurde die Anklage besonders laut in jener Weltregion erhoben, die ihr eigenes Stärkeproblem eher ignoriert. Die in den USA geäußerte Kritik an der deutschen Dominanz erinnert kurios an die erbitterte Debatte über den amerikanischen Imperialismus, den unipolaren Augenblick, den machtbesoffenen Hegemon, der 2001 nach dem Terror von alQaida in neue Kriege zog.

Europa hat schlechte Erfahrungen damit gemacht, dass Deutschland Macht missbrauchte

Nun also muss sich Deutschland mit dem H-Vorwurf auseinandersetzen. Wirklich neu ist das nicht. Hegemonialität, diese unangefochtene Stärke, gehört zum Genmaterial der Republik. Wer sich auch immer mit der Akkumulation von Macht und deren Zerfall auseinandersetzt, der findet in der deutschen Geschichte viele betrübliche Beispiele. Deutschlands Nachkriegserfahrung in einem geteilten und eingehegten Land war ja nicht zuletzt Ergebnis eines vielfachen Missbrauchs der Macht. Die Europäische Union selbst war auch die institutionelle Antwort auf die Problemnation in der Mitte.

Freilich haben sich die Zeiten geändert. Von rechts bis links hat niemand in der politischen Klasse Deutschlands diese Führungsrolle gewollt oder gar angestrebt. Herrschaftsfantasien sind den Deutschen glücklicherweise sehr fremd geworden. Heute, nach Vereinigung und unzähligen europäischen Verschmelzungsdebatten wird es von sehr vielen als betrüblich empfunden, dass Deutschland seinem nationalen Gehäuse nicht entkommen und sich auch keiner politischen Schlankheitskur unterziehen kann.

Selbst wenn sich Deutschland den Führungserwartungen verweigert, wenn sich das Land blind und taub stellt: Der Blick der Nachbarn bleibt, wie das Griechen-Drama zeigt. Hätte Berlin teilnahmslos dem Niedergang zugeschaut, wäre es ebenso schuldig gesprochen worden: wegen Nicht-Handelns.

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Deutschland wird als enorm potente politische Kraft in Europa angesehen. Seine Volkswirtschaft dominiert den Kontinent. Militärische Macht hat an Bedeutung verloren, stattdessen erwächst neue Autorität aus einer moralischen und kulturellen Haltung. Berlin ist nicht mehr Preußen-Kapitale, und viele frische Attribute wie Weltoffenheit, Toleranz und eine kulturelle Vielfalt - allen Hässlichkeiten gegenüber Asylbewerbern zum Trotz - werden honoriert. Jetzt muss das Land den Umgang mit seiner Exponiertheit lernen. Fehler werden da nicht toleriert.

Am Ende der Clinton-Präsidentschaft in den USA prägte die damalige Außenministerin Madeleine Albright den Begriff vom "benevolenten Hegemon", von einer wohlmeinenden Führungsnation. Das klingt verführerisch, funktioniert in der Praxis aber nicht immer. Allen wohl und keinem weh ist schwer durchzuhalten - diese Erfahrung haben die USA hinreichend gemacht.

Die Politik muss ein paar Lehren beherzigen, wenn sie von den neuen Zentrifugalkräften in Europa nicht zerrissen werden will. Die wichtigsten: Erschütterungen vermeiden, den Laden zusammenhalten, Verbündete suchen, Zeit gewinnen. So funktionierte die Eindämmung der Ukraine-Krise. Der Krieg blieb in der Region, die Europäische Union ist politisch nicht daran zerbrochen. Und so funktioniert auch die Euro-Rettung - Einblicke in den Abgrund inklusive.

Bescheidenheit und Zögerlichkeit sind wichtige Attribute für einen Hegemon wider Willen. Gefahr entsteht, wenn das Land belehrend, moralisierend oder gar überheblich agiert. Davor sind gerade die Deutschen nicht gefeit.

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