Putins brutaler Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine immer unverfroreneren Sabotageakte gegen den Westen; Trumps Aufkündigung der transatlantischen Freundschaft und sein gangsterhaftes Geschäftsgebaren seinen Verbündeten gegenüber: Sie war schon rosiger, die Lage Europas. Die geopolitischen Ereignisse zwingen auch Deutschland zum Handeln. Die Sicherheit der Bundesrepublik steht auf dem Spiel, Kanzler Friedrich Merz spricht davon, Deutschland sei „im Krieg“ mit Russland. Und so verspricht die Bundesregierung, Sicherheitspolitik in den Fokus ihrer Anstrengungen zu stellen. Es geht um Aufrüstung, es geht um Wehrpflicht. Doch es geht nicht (mehr) um die Energiewende.
Energiewende? „Dieses Buch dürfte nicht existieren“, schreiben die Autorinnen Susanne Götze und Annika Joeres am Anfang des ersten und des letzten Kapitels ihres Buches „Die Sicherheitslüge – Wie Europa sich mit Waffen schützen will – aber mit Öl & Gas erpressbar macht“. Doch die neue Bundesregierung unter Merz mache so einen gravierenden Fehler – Sicherheit versprechen, aber die Energiewende sabotieren –, dass sich die zwei profilierten Journalistinnen doch zum Verfassen einer „Streitschrift“ gezwungen sahen. Die These der Autorinnen: Energieversorgung ist längst eine mächtige Waffe im geopolitischen Spiel, und wer es ernst meint mit deutscher Sicherheitspolitik, der muss die Abhängigkeiten von (exportierten) fossilen Brennstoffen beseitigen, sprich die Energiewende mit aller Kraft vorantreiben.
„Die deutsche Industrie bräche ein“
Wie es sich für eine Streitschrift gehört, argumentieren Götze und Joeres nicht nur im sachlich-nüchternen Ton, aber stets faktensicher, wenn sie der Bundesregierung den Fehler vorwerfen, sich nicht aus der Erpressbarkeit durch Putin und andere Despoten zu befreien. Was, wenn Russland die Milliarden Kubikmeter Erdgas von der Halbinsel Jamal in Sibirien, die immer noch nach Europa verschifft werden, nicht mehr liefert oder immens verteuert? „Die deutsche Industrie bräche ein, könnte ihre Produkte kaum noch auf dem Weltmarkt verkaufen. Viele Bürgerinnen und Bürger müssten schlagartig mehr bezahlen für ihre Tankfüllung und warme Wohnungen“, schreiben die Autorinnen.
Doch Götze und Joeres geht es in dem Buch primär gar nicht um die Preise an der Tankstelle oder die heimische Autoindustrie. Sie behalten das Thema Sicherheit im Auge und lenken den Blick auf das Militär, das ebenfalls in gefährlicher Abhängigkeit von den fossilen Brennstoffen steht. Alles hänge am Tropf von Öl und Gas, schreiben die Autorinnen. „Schon die Herstellung der Panzer, Eurofighter und Geschosse braucht Unmengen Stahl, der geschmolzen werden muss“ – bisher gebe es dafür nur Hersteller, die riesige Mengen Kohle und Erdgas verbrennen. Doch all das militärische Gerät will ja auch betrieben werden. „Stellt euch vor, Putin schickt Kampfflieger, und die Bundeswehr-Flieger kommen nicht vom Fleck, weil sie kein Kerosin haben! Kaum jemand beim Militär denkt an Engpässe oder astronomische Preisausschläge“, empören sich Götze und Joeres. Wenn jetzt schon Milliarden in die Aufrüstung gesteckt werden, so ihr Appell, dann müssten dringend auch die Technologien modernisiert werden.

Also mit vollem Elan auf erneuerbare Energien setzen? Auch hier warnen die Journalistinnen in ihrer Streitschrift. Es drohe die Gefahr, zu abhängig von China zu werden, weswegen es wichtig sei, aus Deutschland einen führenden Technologiestandort für Erneuerbare zu machen. „In den letzten zehn Jahren drängten chinesische Anbieter Hunderte europäische Solarhersteller in die Pleite.“ Milliarden seien in den Sand gesetzt worden. „Nun müssen noch mal Milliarden her, um eine europäische Energieindustrie neu aufzubauen.“ Verpasse man auch hier den Anschluss, so die Autorinnen, seien die Folgen für ganz Europa fatal. „Schafft es die EU nicht, in den kommenden Jahren eine eigene Solar- und Windkraftindustrie aufzubauen, könnte das umgekehrt auch das vorläufige Ende der Energiewende bedeuten.“
Auch wenn ihre Streitschrift – bei nur 100 Seiten nachvollziehbar – keine ausgefeilten Lösungsansätze für das ganz und gar nicht simple Thema Energieversorgung mitliefert: Sowohl bei den rückwärtsgewandten energiepolitischen Umtrieben als auch bei den kostspieligen sicherheitspolitischen Ambitionen der Bundesregierung dient das Buch dem Leser als warnender Begleiter.

