Deutschland Am Puls der Nation

Diagnosen für ein verunsichertes Land: Wie sich Autoren am Zustand der Republik abarbeiten und welche Rezepte sie zur Genesung anbieten - ein kleiner Überblick.

Von Christoph Dorner

Donnerwetter über Dresden: Ein Blitz erhellt die Altstadt, links die Frauenkirche. Viele Deutsche fühlen sich laut Umfragen seit Jahren so, als befänden sie sich in einem politischen Dauertief.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Zwischen Buchdeckeln die Lage der Nation einzufangen, ist kein leichtes Unterfangen. Jüngst sind etliche Bücher erschienen, die sich dem Zustand Deutschlands widmen. Der äußere Anlass für eine Analyse der bundesrepublikanischen Gegenwart scheint günstig zu sein: 30 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. Seit bald vier Jahren ringt das Land beim Thema Grenzen und Asyl mit sich. Der November 1989 und das Jahr 2015 sind Zäsuren der jüngeren deutschen Geschichte, das legen die Publikationen nahe, denen wie ein Widerhall des Diskurses um Identitätspolitik gemein ist, dass sie mehr über die seelische Verfasstheit des Landes aussagen als über die soziale.

Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald hat bereits mehrere Bücher über seine aufgewühlten Landsleute geschrieben. "Wie tickt Deutschland?" ist ein Bestseller, vielleicht, weil psychologische Erklärmodelle in einer Leistungsgesellschaft gefragter sind als eine Vermessung von Masse und Macht. Womöglich auch, weil Grünewald als Experte genau deshalb viel Medienresonanz erhält. Sein Buch beruht auf Studien mit Tiefeninterviews, die sein Rheingold-Institut in der Regel zu Marktforschungszwecken durchführt. Mit der Methode aus der Sozialforschung, die auch in Psychotherapien angewandt wird, sollen unbewusste Einstellungen, Wünsche und Vorurteile der Befragten ermitteln werden. Lässt sich damit auch die politische Lage einfangen?

Nach Grünewald haben die Deutschen Angst vor der Zukunft. Diese Angst werde von gravierenden Veränderungen im Alltag entfacht, in dem noch weniger das Wohlstandsmodell als vielmehr kulturelle Identitäten und tradierte Rollenbilder unter Druck geraten. Mit der Kanzlerin, die zur "Übermutter" stilisiert wird, seien die Bürger über Jahre ein Stillhalteabkommen eingegangen: Merkel habe ihnen mit einer pragmatischen Politik die Probleme der Welt vom Hals gehalten, dafür wurde sie gewählt. Diese kühle Verabredung sei im Zuge der Flüchtlingskrise gelöst geworden.

Die Deutschen und ihre Angst vor der Zukunft - seit 2015 hat sie eine konkrete Projektionsfläche

Mit den Geflüchteten hätten aufgestaute Ängste vor negativen Folgen der Globalisierung ein Gesicht bekommen. Der Gefühlsausbruch der Willkommensdogmatiker auf der einen Seite und der gekränkten Nativisten auf der anderen Seite ist laut Grünewald auch eine Folge der Planlosigkeit der Politik. Sie habe keine Zukunftsvision, auch weil sie von einer entpolitisierten Jugend nicht mehr in einen Generationenkonflikt gezwungen worden sei.

Stephan Grünewald: Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2019. 320 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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Ein enormes Kränkungspotenzial für die Gesellschaft sieht der Psychologe in der Digitalisierung. Das Smartphone als "digitales Körperteil" verspreche bedingungslose Verfügbarkeit von Waren und Menschen und eine Beherrschung der Umwelt, was sich aber in einem analogen Alltag mit einer komplexen sozialen Matrix nicht einlösen lasse und zu Frustration führe. Durch die Entwertung menschlicher Arbeit drohten zudem Anerkennungskonflikte, deren Langlebigkeit Grünewald bei den Ostdeutschen festgestellt hat. Das klingt wie vieles in dem klar formulierten Buch einleuchtend. Nur, auf welcher Datenbasis zieht der Autor seine Schlussfolgerungen?

Das Buch suggeriert eine Wissenschaftlichkeit, die es bei genauerem Hinsehen nicht einlöst. Das liegt nicht nur an der dünnen Dokumentation der Studien. An einer Stelle führt Grünewald an, dass ein Drittel der Männer nicht zu Tiefeninterviews über ihr Rollenverständnis erschienen sei. Für den Autor ist das ein Beleg für eine männliche Inszenierungskrise. Nur haben viele Studien mit Tiefeninterviews in der Regel nur eine mittlere zweistellige Anzahl an Probanden. An anderer Stelle zitiert Grünewald aus einem unveröffentlichten Vortrag eines Mitarbeiters. Der schreibt, dass die "gesellschaftliche Elite" gegenüber der "Unterklasse" monieren würde, "dass diese gemeinen Menschen nicht nur rauchen, Fleischberge verputzen, zu fett oder zu süß essen, sondern auch noch übermäßig viel trinken". Bei Grünewald stehen am Ende häufig Stereotype, weil er eine Art deutsche Gefühlsmasse beschreibt, ohne die soziale Herkunft oder auch rationale Anteile im Verhalten der befragten Personen zu benennen. Dafür interessiert er sich als Psychologe nicht. Für ein Buch, das sich an einer Erfassung der politischen Wirklichkeit des Landes versucht, ist das etwas unbefriedigend.

Arbeiteten sich Sachbücher der Ära Kohl und Schröder am deutschen Wohlfahrtsmodell ab, so hat sich der Fokus mit der Flüchtlingskrise vermeintlich verschoben. Die Mechanismen, mit denen Entscheidungsträger auf Destabilisierungen des politischen Systems reagieren, sind aber häufig dieselben, konstatiert David Goeßmann in "Die Erfindung der bedrohten Republik". Der Journalist schreibt, dass Bedrohungslagen immer wieder inszeniert würden, um unpopuläre Entscheidungen gegen Widerstand aus der Bevölkerung durchzusetzen. So sei es bei den Hartz-Reformen wie in der Finanzkrise gewesen. Ausgangspunkt seines Buchs, das Goeßmann als "Gegenrecherche" bezeichnet, weil es im Kern eine Medienwirkungsanalyse ist, ist ein Satz, der für die Post-Merkel-CDU zu einer Art Mantra geworden ist: "2015 darf sich nicht wiederholen." Diese Losung half nicht nur, Sicherheitspolitik auf der politischen Agenda nach oben zu hieven. Sie führte auch zu einem rechtspopulistischen Diskurs über staatlichen Kontrollverlust. Und auch für die Medien hatte sie Konsequenzen.

David Goeßmann: Die Erfindung der bedrohten Republik. Wie Flüchtlinge und Demokratie entsorgt werden. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2019. 464 Seiten, 18 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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Dass der Journalismus während der Flüchtlingskrise zunächst bisweilen aktivistisch agierte und die Losungen der politischen Elite unkritisch übernommen hat, haben bereits zwei viel zitierte Studien gezeigt. Auch Goeßmann geht es um das Framing in der Berichterstattung, wobei er mit einer Vielzahl an Textbeispielen arbeitet, die auch aus der Süddeutschen Zeitung stammen. Die Masse an medialen Angstbotschaften sei insbesondere nach der Kölner Silvesternacht für die Bürger so verunsichernd gewesen, dass ihr Hilfsimpuls entpolitisiert wurde. Auf diesem Nährboden ließ sich im Schnellverfahren ein striktes europäisches Grenzregime durchsetzen, obwohl sich die Mehrheit der EU-Bürger in Umfragen zur moralischen Pflicht bekennt, vor Krieg und Verfolgung fliehende Menschen aufzunehmen. Goeßmanns Blick ist ein radikalhumanistischer, das verdeutlicht schon das Vorwort von Konstantin Wecker. Sein Buch sollten Journalisten zum Anlass nehmen, nicht nur das Framing der Politik, sondern auch die eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen.

Einige Autoren warnen vor zu großen Emotionen - halten aber selbst wenig von Sachlichkeit

Die Frage, welchen Anteil Medien am Vertrauensverlust in die liberale Demokratie haben, hat sich auch Jochen Bittner gestellt. Der Redakteur der Zeit warnt in seinem Buch "Zur Sache, Deutschland! Was die zerstrittene Republik wieder eint" vor einem Haltungsjournalismus. Denn der Einsatz für die gute Sache erzeuge fachliche Homogenität und gebe Anlass dazu, die Wächterfunktion der Presse anzuzweifeln. Eine Öffentlichkeit, die zudem durch soziale Medien und Fake News erhitzt und deren Wahrnehmung verzerrt wird, ist nur eine von fünf, teils verschränkten Konfliktlinien, die Bittner für Deutschland ausgemacht hat.

Jochen Bittner: Zur Sache, Deutschland. Was die zerstrittene Republik wieder eint. Edition Körber, Hamburg 2019. 272 Seiten, 18 Euro. E-Book: 13,99 Euro.

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Interessanter als seine Problembeschreibung einer Ost-West-Teilung oder der neuen Betonung von Identitäten ist, dass Bittner im zweiten Teil des Buchs Vorschläge macht, wie Vertrauen in die Demokratie zurückgewonnen werden könnte. Gerade beim Thema der Migration wünscht er sich einen ehrlicheren Umgang. In der Debatte würden Asyl und Einwanderung nicht klar voneinander getrennt, schreibt er. Um aber die Akzeptanz des Grundrechts auf Asyl zu sichern, müsse es möglich sein, Nachteile der Aufnahmebereitschaft ansprechen zu können.

Auch im Umgang mit abgelehnten, aber in den kommenden Jahren nicht abschiebbaren Asylbewerbern mahnt Bittner eine Entscheidung an. "Schwebemigranten" sollten unbürokratisch ein Aufenthaltsrecht erhalten, um eine Arbeitsmarktintegration zu beschleunigen und ein Abgleiten in Schattengesellschaften zu verhindern. Bei straffälligen abgelehnten Asylbewerbern müsse hingegen die Fallbearbeitung beschleunigt werden. Bittners Buch liefert einen guten Überblick über die großen Baustellen der Republik. Es liest sich vor allem deshalb wohltuend, weil es der Vernunft Vorrang vor der Emotion gibt.

Christian Schüle hat diesem Gegensatz mit "In der Kampfzone" ein ganzes Buch gewidmet: Der Philosoph und Publizist bekennt gleich zu Beginn, sich "auf manchmal schamlos zugespitzte, manchmal arglos übertriebene, immer aber unbestechliche Weise" gegen die Ausbreitung von Hypermoral und Hysterie wenden zu wollen. Schüle zeichnet zu Beginn das Zerrbild eines vollkommen affektgestörten Landes. Die Repolitisierung des Alltags findet bei ihm fast nur unter negativen Vorzeichen statt. Die Widerstandsfähigkeit der demokratischen Institutionen und die Integrationskraft der Gesellschaft sind Schüle kaum eine Zeile wert. Damit bewegt er sich einerseits auf der Höhe der öffentlichen Debatte. Auch für die USA haben zuletzt Intellektuelle wie Mark Lilla oder Francis Fukuyama eine Empörungskultur kritisiert, die das politische Klima längst vergiftet hat. Schüle benennt auch, woher die Spannung innerhalb einer kapitalistischen Ordnung kommt: vom Ich-Kult, von enttäuschten Aufstiegsversprechungen und der Angst vor der Unüberschaubarkeit der Globalisierung. Er formuliert rasant und absolutistisch und größtenteils frei von soziologischem Ballast. Dabei entfaltet sich ein kühner Essay, der daran erinnern will, dass die Gesellschaft vor lauter Empörung dabei ist, ihre Freiheit zu verspielen. Ob für sein Plädoyer für mehr Anstand aber ein derart erregter Ton der richtige ist, darf angezweifelt werden.

Christian Schüle: In der Kampfzone. Deutschland zwischen Panik, Größenwahn und Selbstverzwergung. Verlag Penguin, München 2019. 304 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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Politische Großthemen können über eine Langzeitreportage durchaus Konturen bekommen

Einen ganz anderen Weg geht Jana Simon. Ihr Buch "Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert" ist eine ambitionierte Langzeitreportage. Simon hat seit 2013 sechs Protagonisten über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren immer wieder getroffen: eine polnische Altenpflegerin aus München, in der aus Sorge vor Altersarmut Ressentiments gegen Flüchtlinge erwachen. Eine Familie mit neu gebautem Eigenheim im Schwäbischen, die nach dem Diesel-skandal von Statusängsten durchgeschüttelt wird. Denn der Familienvater ist ein Ingenieur, dessen gesamte Weltsicht ins Wanken gerät. Eine Modebloggerin, bei der Enthusiasmus für die SPD aufflammt und nach der Bundestagswahl rasch wieder erlahmt. Simon traf sich mit dem ehemaligen Zentralbanker und SPD-Staatssekretär Jörg Asmussen, der nach seinem Wechsel zu einer US-Investmentbank in reinen Interviewpassagen vorsichtig über das Primat des Finanzkapitalismus spricht. Und mit einem Polizisten aus Thüringen, der 1998 einer der Letzten war, die das NSU-Trio vor dem Untertauchen sahen. Zwei Jahrzehnte später verfolgte er den Prozess gegen Beate Zschäpe aus dem Augenwinkel. Die Spaltung der Gesellschaft hat er hautnah bei seinen Einsätzen zu spüren bekommen. Bei einer AfD-Veranstaltung in Jena muss der Polizist Alexander Gauland schützen. Dessen Verwandlung vom enttäuschten Konservativen zum kühl kalkulierenden rechten Scharfmacher folgt Simon Schritt für Schritt.

Jana Simon: Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert. Fischer-Verlage, Frankfurt 2019. 336 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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Anfangs lesen sich die Kapitel noch wie ein Recycling von Reportagen, die Simon teilweise bereits in der Zeit veröffentlich hat. Sie sind nah am beobachteten Geschehen geschrieben, weisen aber in viele Richtungen. Mit Voranschreiten der erzählten Zeit ergibt sich aber ein erstaunlicher Effekt. Über die biografischen Zugänge, die mitschwingende Nachrichtenlage und die Tatsachennähe der Reportage bekommen die politischen Großthemen immer deutlichere Konturen. Das Konfliktpotenzial zwischen den Protagonisten und den Milieus, die sie vertreten, wird offensichtlich. Auf diesem Weg entsteht ein Sog, den analytische Sachbücher nicht erreichen. Auch diese Erkenntnis ist letztlich zeitdiagnostisch: Die zuletzt viel kritisierte Reportage lebt.