Deutsches Kaiserreich:"Dieses Erbe hat sich als fatal erwiesen"

150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Reichs

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch im Schloss Bellevue.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Zum Reichsgründungstag vor 150 Jahren blickt Bundespräsident Steinmeier zwiegespalten auf den ersten deutschen Nationalstaat. Der "Streit über unsere Geschichte" sei aber wichtig, gerade in Zeiten der Verunsicherung, die Nationalismus und Populismus befördere.

Von Robert Probst, München

Der 18. Januar ist so etwas wie der Schicksalstag der preußischen Monarchie. An diesem Tag des Jahres 1701 hatte sich Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg aus dem Haus Hohenzollern in Königsberg selbst zum König in Preußen gekrönt. Und es war kein Zufall, dass Preußens König Wilhelm I. am 18. Januar 1871 in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Es war ein Akt der Demütigung für die jüngst besiegten Franzosen, und es war ein preußisch dominierter Tag. Nicht zuletzt, weil dieses Kaiserreich Deutschland 1914 in den Ersten Weltkrieg getrieben hat, sind die Erinnerungen an diesen Reichsgründungstag vor 150 Jahren zwiespältig. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bringt es bei seiner Erinnerungsrede am Mittwoch auf diese Formel: "Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber wie den Denkmälern und Statuen von Königen, Kaisern und Feldherren aus dieser Epoche."

Gleichwohl sei es wichtig, sich mit solchen historischen Daten zu befassen, diese Epoche noch einmal zu befragen, ihren Traditionslinien und -brüchen nachzugehen, sagt der Bundespräsident über den ersten deutschen Nationalstaat, der, wie der Sozialist August Bebel sagte, "mit dem Säbel gegründet" worden war. "Ein lebendiges Bewusstsein für unsere Gegenwart gewinnen wir auch und gerade durch die Auseinandersetzung mit und, ja, den Streit über unsere Geschichte", betont Steinmeier. "Wer Parlamentarismus und Demokratie in unserem Land verteidigen will, muss ihre Geschichte und Bedingungen genauso kennen wie die ihrer Gegner, muss die Sinne für historische Kontinuitäten und Brüche schärfen und weiter in die Vergangenheit zurückschauen, in die Zeit der Freiheitsbewegung, des Vormärz und der Revolutionsbewegung von 1848."

"Doppelgesichtig" erscheint dem Bundespräsidenten das Hohenzollern-Kaisertum - auch mit Blick auf das neu errichtete Hohenzollernschloss (Humboldtforum) in Berlin-Mitte; in dem knappen halben Jahrhundert seiner Existenz steht es zwischen Reaktion und Moderne. "Modernisierung und rasche Veränderungen damals waren Anlass für Verunsicherung, die Nationalismus und Populismus befeuerten; ähnliche Reaktionen erleben wir heute im Gefolge von Globalisierung und gesellschaftlichem Wandel", betont Steinmeier.

Der erfolgreiche Krieg gegen Frankreich als Gründungsmythos, die Proklamation im Spiegelsaal von Versailles, die harte "Eisen-und-Blut"-Politik von Reichskanzler Otto von Bismarck, die die Einheit des neuen Reiches über die Freiheit seiner Einwohner stellte, die politische Stabilisierung der Nation durch die Ausgrenzung und Bekämpfung äußerer und innerer Feinde - vor allen Katholiken und Sozialdemokraten -, die auf Halb-Hegemonie in Europa ausgerichtete Bündnispolitik und die im Desaster geendete Kolonialpolitik - all das machte das Deutsche Reich nicht gerade zu einer glücklichen Gründung, an die mit Stolz und Freude erinnert werden kann.

Proclamation of the emperor in Versailles, 1871

Wilhelm I. wird am 18. Januar 1871 im Versailler Spiegelsaal zum deutschen Kaiser ausgerufen.

(Foto: SZ-Photo)

Vor allem die Verachtung von Pluralismus und Demokratie erwiesen sich als große Hypothek. Wilhelm II. nannte das Parlament ein "Reichsaffenhaus". "Diese Ablehnung der Demokratie als fremd und undeutsch, dieses Erbe hat sich als fatal erwiesen. Es ist keine Geschichtsvergessenheit, wenn die Deutschen mit dem Erbe des Kaiserreichs hadern und hadern müssen", sagt Steinmeier und erinnert zugleich an den "Anblick von Reichskriegsflaggen auf den Stufen des Reichstagsgebäudes" im vergangenen Jahr.

Nicht alles ist freilich nach 1945 untergegangen vom "Machtstaat vor der Demokratie", wie es einmal der Historiker Thomas Nipperdey formuliert hat. Gesetzgebung und Rechtsprechung stehen auch in der Bundesrepublik in der Tradition des Kaiserreichs, etwa das Bürgerliche Gesetzbuch, die Bismarck'sche Sozialgesetzgebung oder die Anfänge der Verwaltungsgerichtsbarkeit, führt Steinmeier an. Das Erbe ist und bleibt ambivalent, aber: "Wir sollten nicht ratlos und verlegen vor den Hinterlassenschaften jener Zeit stehen."

Der französische "Erbfeind" übrigens revanchierte sich für die Demütigung von 1871 nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg damit, dass die Verhandlungen für den Vertrag von Versailles am 18. Januar 1919 begannen, wieder im Spiegelsaal Ludwigs XIV. Das Schicksal der Hohenzollern war da schon besiegelt, die Weimarer Republik trat ein schweres Erbe an.

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