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Deutscher Kolonialismus:Flußpferdpeitschen im Reichstag

Gleichzeitig lernte die einheimische Elite Deutsch, der Nachwuchs wurde nach Deutschland geschickt. So verbringt Rudolf Manga Bell, Enkelsohn des Duala-Königs, der den Schutzvertrag von 1884 unterschrieben hatte, fünf Jahre bei einer Lehrerfamilie in Aalen.

Er wird getauft, besucht die Volks- und die Lateinschule, erlangt die Mittlere Reife am Gymnasium in Ulm. Er liest, während deutsche Soldaten in seiner Heimat einen Aufstand nach dem anderen niedermetzeln, Goethe, Lessing und Schiller.

Weihnachten in Kamerun, 1909

KAMERUN (Westafrika) war deutsche Kolonie seit 1884. Anfang 1916 wurde das Gebiet von britischen, französischen und belgischen Truppen erobert, später von Großbritannien und Frankreich in Interessensphären aufgeteilt.

Im Bild: Deutsche Siedler in der Kolonie Kamerun am Weihnachtsbaum, dabei die schwarzen Angestellten.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Als er 1897 nach Kamerun zurückkehrt, bescheinigen ihm die Kolonialbeamten Charisma, hohe Intelligenz und europäische Umgangsformen. Eine Schwester des deutschen Regierungsarztes schwärmt von seinen "edlen Zügen", hat allerdings zur Inneneinrichtung seines Palastes einzuwenden, die teuren europäischen Möbel seien "ohne Verständnis und Geschmack so willkürlich durcheinandergestellt, wie es eben nur ein Negergeschmack zu Stande bringen kann".

Das Wichtigste, was Rudolf Manga Bell aus Deutschland mitbringt, ist die Erkenntnis, dass in Deutschland Verträge eingehalten werden. Er fordert, dass die Deutschen auch den Vertrag von 1884 respektieren, protestiert gegen Enteignungen und Strafexpeditionen beim Bezirksamt, beim Gouverneur, beim Reichstag in Berlin.

Kolonie Südwestafrika

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Man habe 1884 geglaubt, heißt es in einer Beschwerde, dass die Reichsregierung "die Anerkennung der persönlichen Freiheit und der Gleichheit aller Menschen herbeiführe und dann völlige bürgerliche Emanzipation durch den Staat erfolge: aus Untertanen werden Staatsbürger."

Ermordung zu Beginn des Ersten Weltkrieges

Der Reichstag befasst sich mit Kamerun, allerdings erst als im Berliner Tageblatt anonym "Die Tagebuchblätter eines in Kamerun lebenden Deutschen" erscheinen. Da wird zum Beispiel der Einsatz der Flusspferdpeitsche beschrieben: "Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts dagegen!"

An den Zuständen in Kamerun ändert die Reichstagsdebatte nichts, auch wenn August Bebel zur Veranschaulichung der kolonialen Brutalität einige Flusspferdpeitschen unter den Abgeordneten verteilt.

Im August 1914, am Beginn des Ersten Weltkriegs, wird Manga Bell in Kamerun des Hochverrats angeklagt und gehängt. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: "Unschuldiges Blut hängt ihr auf. Umsonst tötet ihr mich ( ...) Aber verdammt seien die Deutschen."

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