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Deutscher Held im Ersten Weltkrieg:Gejagt von Scotland Yard

Gunther Plüschow, Flieger von Tsingtau

Gunther Plüschow, Flieger von Tsingtau

Nach zwei Monaten sind die 5000 Verteidiger des verstärkten III. Seebataillons am Ende. Kräfte und Munition sind verbraucht. Mit ihren Kriegsschiffen riegeln die etwa 60.000 Japaner und Briten die Festung Tsingtau komplett ab (mehr zur Geschichte der deutschen Kolonie hier).

Anfang November 1914 erteilt Kommandant Alfred Meyer-Waldeck den letzten Auftrag: Der einzige Flieger soll aus der Festung ausbrechen. Es ist ein verwegenes Unterfangen - doch es gelingt. Plüschow entkommt am Morgen des 6. November 1914 mit dem verbliebenen Flugzeug. An Bord hat er Geheimdokumente der Kolonie. Ein Tag später kapituliert die deutsche Garnison. Die Soldaten sollten bis 1920 in der Kriegsgefangenschaft schmoren.

Plüschow entgeht den Angreifern, muss jedoch 250 Kilometer von Tsingtau entfernt in der Provinz Jiangsu bruchlanden. Dort steckt er sein Flugzeug in Brand und schlägt sich nach Shanghai durch, wo er die Dokumente und Kriegstagebücher der deutschen Botschaft übergibt.

Donington Hall, Kriegsgefangenenlager für Offiziere in der Nähe der Stadt Derby, Erster Weltkrieg

Plüschow ist der einzige Deutsche, dem die Flucht aus Donington Hall, einem Kriegsgefangenenlager für Offiziere in der Nähe von Derby, gelingt.

Plüschow zieht es in die Heimat. Getarnt als Nähmaschinen-Vertreter, Tagelöhner und Seemann beginnt seine Odysee um die halbe Welt. Über das Feindesland Japan fährt Plüschow mit dem Dampfer via Hawaii nach San Francisco. Die USA sind damals noch neutral, sie sollten sich erst später in den Krieg einschalten.

Das deutsche Konsulat unterstützt ihn finanziell. In New York erhält er Schweizer Papiere, als Schlossergeselle schifft er sich ein. Auf einem Schiff der verfeindeten Italiener erreicht er das vom Kriegsgegner Großbritannien kontrollierte Gibraltar. Dort fliegt seine Tarnung auf.

Gesucht von Scotland Yard

Am 8. Februar 1915, seinem 29. Geburtstag, durchsuchen die Briten das Schiff. Sie werden fündig, denn ein Spitzel hat ihn verraten. Als Kriegsgefangener kommt Plüschow nach Großbritannien, ins Offizierslager Donington Hall bei Derby. Doch der Flieger denkt nicht an Aufgabe. In einer Mainacht versucht Plüschow zusammen mit einem weiteren deutschen Offizier den Ausbruch.

"Die Flucht war nicht sehr durchdacht. Eines Tages lag er (Plüschow) im Kriegsgefangenenlager auf dem Rücken herum und ein junger Hirsch gelangte durch den Stacheldrahtzaun. Er dachte sich, wenn der hier hereingekommen ist, kann ich wohl auch herauskommen", so beschreibt Anton Rippon, Journalist und Autor, den Fluchtplan.

Plüschow und sein Gefährte überwinden den Zaun, fliehen ins etwa 25 Kilometer entfernte Derby. Dann fahren sie mit der Eisenbahn nach London. Die Wege der Männer trennen sich. Der andere Entflohene wird wieder gefangen, Plüschow bleibt verschwunden.

Er versteckt sich in den Docks von London. Verkleidet als Hafenarbeiter bleibt er unerkannt, wie die Daily Mail in einem Artikel über Plüschows Flucht schreibt. Scotland Yard begibt sich auf seine Fährte - mit Hilfe eines Steckbriefs fahndet die Polizei nach dem flüchtigen Kriegsgefangen: "Haarfarbe: blond, Augen: blau, Kennzeichen: chinesischer Drache". Plüschow trägt am linken Arm die verräterische Tätowierung, die ihm unter den Briten den Spitznamen "Dragon Pilot" einträgt.

Vom Weltkriegshelden zum Forschungsflieger

Als er von einem holländischen Schiff im Hafen von Tilbury hört, wittert er seine Chance - denn die Niederlande sind neutral. Nach mehreren Versuchen gelingt es ihm, auf das Schiff zu klettern und sich in einem Rettungsboot zu verstecken. Als blinder Passagier verlässt er Großbritannien und gelangt so auf den Kontinent.

Seine Flucht um die halbe Welt endet mit einem Superlativ: Plüschow gilt als der einzige deutsche Kriegsgefangene, dem es je gelang aus Großbritannien zu entkommen.

Wasserflugzeug von Gunther Plüschow, "Tsingtau"

Wasserflugzeug von Gunther Plüschow, D-1313 Tsingtau: 1931 stürzt er mit dieser Maschine in den Tod.

In der niederländischen Hafenstadt Vlissingen geht Plüschow von Bord, er erhält Reisedokumente - und das ersehnte Zugticket in die Heimat. "Es kam mir vor wie eine Ewigkeit: Langsam überquerte der Zug die deutsche Grenze", schildert er später den Moment seiner Rückkehr nach Deutschland. Dort wird er kurz als angeblicher Spion festgenommen, bis ihn ein Offizier erkennt.

Im Juli 1915 trifft er - acht Monate nach Beginn seiner Flucht aus Tsingtau - in Schwerin ein und nimmt seinen Militärdienst wieder auf. Nach Kriegsende arbeitet er als Zeitungs- und Depeschenflieger für Ullstein. Er verdingt sich mit Gelegenheitsjobs, ist als Kinoansager, Autoverkäufer und Motorradrennfahrer tätig. 1928 bricht er mit Kameramann Ernst Dreblow nach Südamerika auf - zum ersten Feuerlandflug der Geschichte.

Tod in Feuerland

Für seine Fans ist Plüschow nicht den Versuchungen anderer Weltkriegsveteranen gefolgt. Trotz seines Heldenstatus' macht er sich nicht gemein mit den Militaristen und der aufkommenden Nazi-Bewegung von Adolf Hitler. "Er ist nicht den leichten Weg gegangen, ist nicht dem Ruf der Freikorps und anderen Rechten gefolgt, bei denen er sicher gute Chancen gehabt hätte", sagt Gerhard Ehlers vom Plüschow-Freundeskreis. "Stattdessen hat er eine Wandlung vom kaiserlichen Marineoffizier und Weltkriegshelden zum Schriftsteller, Forschungsflieger und Filmemacher vollzogen".

Gunther Plüschow wird nur 44 Jahre alt. Der "Flieger von Tsingtau" stürzt am 28. Januar 1931 bei einem Flug über Feuerland ins eisige Wasser. Seit seinem Tod wird den Leistungen des Forschers Plüschow in Argentinien und Chile mit Denkmälern und nach ihm benannten Straßen gedacht.

"In seinem Heimatland hat er die Aufnahme in die 'Liga der erinnerungswürdigen Gentlemen' verpasst", sagt Ehlers. "Dabei könnte man von Plüschow lernen, dass die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, gerade eines militärischen Helden, nicht zwingend zu einer Zuwendung zu faschistischem Handeln führen muss."

In einem Brief an seinen Sohn schreibt Plüschow 1930, in der Schule solle man den Schülern lieber etwas über Wissenschaftler lehren, statt über "tausend Generäle", die nichts getan haben "außer daß sie beigetragen haben, wertvolle Menschen gleich in Massen zu vernichtet zu haben".

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© Süddeutsche.de/gal/odg
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