Deutscher Einmarsch in Prag Ausgeliefert an den "Henker von Prag"

Schonen will Hitler die Tschechen ohnehin nicht. In den überlieferten Tischgesprächen äußert sich der Diktator abfällig über die Bevölkerung, die für ihn ein "Abkömmling mongolider Stämme" war. Es sei wichtig, dass man "alles Gefährliche in der Tschechei rücksichtslos beseitige".

Exekutiert hat Hitlers Vorstellungen von 1941 an Reinhardt Heydrich. Der fanatische SS-Führer verfolgte als stellvertretender Reichsprotektor eine brutale Linie. Auf seinen Befehl hin wurden Tausende verhaftet, Hunderte vermeintliche oder tatsächliche NS-Gegner ließ er hinrichten. Juden ließ der "Henker von Prag" in Konzentrationslager deportieren, darunter auch Lisa Mikova und ihre Familie (hier ihre Erinnerungen an Auschwitz) . In der Prager Pinkas-Synagoge sind die Namen von fast 80.000 Juden aus Böhmen und Mähren zu lesen, die im Holocaust ihr Leben verloren - darunter auch die Namen von Mikovas Eltern, die vergast wurden.

"Der Pogrom verschaffte der SS beträchtlich mehr Macht"

Am 9. November 1938 tobte der Mob gegen deutsche Juden, zerstörte deren Geschäfte und zündete Synagogen an. Historiker Robert Gerwarth erklärt, warum die Reichspogromnacht den SS-Führer Reinhard Heydrich unangenehm überraschte - und wie der spätere Holocaust-Organisator letzlich von dem Gewaltexzess entscheidend profitierte. Oliver Das Gupta mehr ...

Heydrich, der den Genozid an den europäischen Juden maßgeblich konzipierte, wurde Ende 1942 bei einem Attentat tschechischer Widerstandskämpfer tödlich verletzt. Daraufhin rollten erneut Mord- und Verhaftungswellen über das Land hinweg.

Die Verwandten von Ex-Minister Ladislav Feierabend, der sich nach Kriegsbeginn zur Exilregierung nach London abgesetzt hatte, wurden deportiert. So wurde auch sein Neffe Vladimir aus seinen Abiturvorbereitungen gerissen. "Kleidung für drei Tage" sollte er mitnehmen, sagt Feierabend zum Tag seiner Verhaftung. Es wurden drei Jahre daraus, die er im Konzentrationslager Dachau durchleiden musste.

Wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten, wäre Vladimir Feierabend nicht in seine Heimat zurückgekehrt. Nach dem Heydrich-Attentat 1942 drohte Hitler mit der "Aussiedlung der Tschechen" aus ihrer Heimat. Tatsächlich hatte Heydrich vor seinem Tod über die Deportation von Juden und "nicht eindeutschbaren" Tschechen in den noch zu erobernden "Eismeer-Raum" schwadroniert. Die brutale Zwangsumsiedlung sollte tatsächlich kommen - allerdings anders, als sich die Nazis dachten.

Schon 1941 riet Ladislav Feierabend dem Chef der Londoner Exilregierung Edvard Beneš, die Heimat ethnisch zu "entmischen". Und so kam es nach 1945 - allerdings nicht friedlich.

Wladimir Feierabend SAMSUNG

(Foto: Oliver Das Gupta)

Der Furor der Deutschen während der Besatzung zerstörte das seit dem Mittelalter blühende Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden. Auf den Tschechen lagen "schwere psychologische Folgelasten" der Zerstörung ihres Staats und der Besatzungszeit, sagt Schulze Wessel.

Als die Wehrmacht im Mai 1945 Prag räumte, brachen sich die aufgestauten Hassgefühle Bahn. Es kam zu Gräueln und Massakern, bei denen Zehntausende deutschstämmige Menschen starben. Allein bis zum Ende der "wilden Vertreibungen" wurden etwa 750 000 Sudetendeutschen aus dem Land gejagt. Insgesamt sollten drei Millionen Menschen ihre Heimat verlieren.

Lisa Mikova kam nach einer Odysee durch mehrere Konzentrationslager im Sommer 1945 nach Prag zurück. Auch ihr Mann hatte den Vernichtungswahn der Nazis knapp überlebt. Ob sie sich an die Übergriffe auf die deutschsprachige Bevölkerung in Prag erinnern könne? Mikova schüttelt den Kopf. "Wissen Sie, ich habe damals nur noch so viel wie ein Kind gewogen", sagt sie. Sie seien so ausgemergelt und erschöpft gewesen. "Da hatte man nur Augen für sich, weil man überleben wollte".

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