Deutscher Außenminister in Ägypten Einmal darf Westerwelle deutlich werden

Seine Limousine wird nicht auf das Rollfeld gelassen - Außenminister Westerwelle bekommt in Kairo zu spüren, dass niemand auf ihn gewartet hat. Seine Gastgeber wollen sich nicht wegen des Putsches belehren lassen, und der Deutsche verzichtet darauf, erneut die Freilassung des gestürzten Präsidenten zu fordern. Ein Vergleich Mursis mit Hitler nötigt ihn aber zu einer Klarstellung.

Von Daniel Brössler, Kairo

Er soll es jetzt richten. In der Nähe des ägyptischen Außenministeriums begrüßt ein Uniformierter mit Bubengesicht die Besucher. "Er ist der Einzige, dem wir trauen können", steht unter dem riesigen Plakat, das den Offizier Abdel Fattah al-Sisi zeigt - ganz offenkundig in jungen Jahren. Es steht da auf Englisch, damit es auch jene verstehen, die es aus Sicht der Anhänger des Generals - von den Muslimbrüdern einmal abgesehen - am wenigsten begreifen wollen: Ausländer, die vorsprechen bei Ägyptens neuen Machthabern.

Solche kommen nun in steigender Zahl und in kürzerer Taktung. Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi vor einem Monat war die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton schon zweimal da und kurz vor dem Eintreffen zweier Abgesandter von US-Präsident Barack Obama ist nun auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle nach Kairo gereist.

"Wir haben mit großem Interesse angehört, was der Herr Bundesminister vorgetragen hat", sagt nach der Unterredung am Donnerstagmorgen Interims-Außenminister Nabil Fahmy. Der Mann ist streng genommen durch nichts legitimiert, jedenfalls durch keine Wahl, aber er ist erfahrener Diplomat. Viele Jahre war er Botschafter Ägyptens in den USA. Wenn einer wie er sagt, er habe den Vortrag seines Gastes mit Interesse gehört, heißt das: Er fand ihn sonderbar.

Schon freundlichere Gespräche in Ägypten

Westerwelle hatte in Ägypten jedenfalls schon freundlichere Gespräche. Beim ersten Besuch im Mai 2010 empfing ihn noch Präsident Hosni Mubarak. Er war gerade erst in Heidelberg operiert; alle Sorgen galten seiner Gesundheit. Würde der Alte weiter für Stabilität sorgen? Was würde aus dem Frieden mit Israel werden ohne ihn? Nach dem Gespräch lobte der Minister den Präsidenten als "Mann mit enormer Erfahrung, großer Weisheit" und als Persönlichkeit, die "die Zukunft fest im Blick" habe. Gut drei Jahre in herkömmlicher Zeitrechnung liegt das zurück und eine Ewigkeit im Angesicht jener Ereignisse, die Ägypten und die arabische Welt verändern.

"Deutschland, Ägypten zusammen", skandierte die Menge kaum ein Jahr später auf dem Tahrir-Platz. Westerwelle wurde gefeiert. Wieder ein gutes Jahr danach, die islamistischen Parteien hatten gerade die Parlamentswahlen gewonnen, sprach er den Ägyptern Mut zu. Es sei ein Fehler, "islamisch per se mit antidemokratisch" gleichzusetzen. Die Hoffnung, der politische Islam könnte sich zu so etwas wie einer korantreuen Spielart der Christdemokratie entwickeln, wurde zum Credo des Ministers. Als erster europäischer Politiker besuchte er im Juli 2012 den neugewählten Präsidenten Mursi und begrüßte "das klare Bekenntnis des ersten demokratisch gewählten Präsidenten zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralität und religiöser Toleranz".

Nun, da alles anders gekommen ist, muss Westerwelle gewissermaßen von vorne anfangen hier im 33. Stock des Außenministeriums. "Ich bin persönlich diesem Land sehr verbunden und Deutschland ist insgesamt ein guter Freund Ägyptens", beginnt er vorsichtig. Ägypten befinde sich in einer "entscheidenden Phase" seiner Geschichte, tastet er sich weiter vor, spricht darüber, dass das ägyptische Volk selbst über sein Schicksal entscheiden müsse. Westerwelle ist auf der Hut, als hielte er die Schlingpflanze, die sich am Pfeiler hinter ihm emporrankt, für fleischfressend.

Der Deutsche wird zwar leidlich höflich empfangen, aber es hat niemand wirklich auf ihn gewartet in Kairo. Andernorts darf die Limousine eines deutschen Außenministers aufs Rollfeld. In Kairo muss Westerwelle nach der Landung am Mittwochabend erst einmal in einen Flughafenbus steigen. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Minister bereits, dass die Übergangsregierung nur Stunden vor seiner Ankunft die Räumung der Protestlager angeordnet hat, in denen sich Muslimbrüder verschanzt haben. Westerwelle muss fürchten, dass es noch während seiner Anwesenheit zu einem neuen Massaker kommt.

In einem recht leeren Luxushotel am Nil isst der Minister zunächst mit Leuten der Tamarod-Bewegung zu Abend. Sie standen im Zentrum der Massenproteste gegen Mursi und verübeln Westerwelle, dass er nach dessen Absetzung von einem "Rückschritt für die Demokratie" gesprochen hatte. Nun konfrontieren sie ihn mit einem in Ägypten neuerdings gerne bemühten Vergleich. Die Deutschen hätten es nicht vermocht, den ja auch demokratisch gewählten Adolf Hitler rechtzeitig die Macht zu entreißen. In Ägypten habe man es nun nicht so weit kommen lassen.