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Deutsche Todesopfer im Jemen:Tödliches Praktikum

Sie blieben, obwohl sie gewarnt wurden: Die getöteten Deutschen machten als Studentinnen einer Bibelschule im Jemen ein Praktikum - unklar ist, ob sie dort missionierten.

Sie wussten, wie gefährlich es ist, im Nordjemen zu arbeiten. Und doch sind sie freiwillig hingegangen. Alle sechs erwachsenen Entführungsopfer waren für die niederländische Hilfsorganisation Worldwide Services im Al-Dschumhuri-Krankenhaus in Saada tätig. "Wenn Sie sehen, wie voll die Wartezimmer sind und wie dringend die Menschen Hilfe brauchen, denken Sie nicht an die persönliche Gefahr", sagt Paul Lieverse von Worldwide Services.

Die Bibelschule Brake in Lemgo - hier machten die beiden deutschen Todesopfer eine Ausbildung

(Foto: Foto: dpa)

Der Narkosearzt an der Uniklinik Rotterdam hat in den achtziger Jahren selbst in der Provinz Saada gearbeitet. Er findet auch nach dem Mord an seinen Mitarbeiterinnen nicht, dass es ein Fehler gewesen sein könnte, sie in die Region zu schicken.

Worldwide Services geht auf die Initiative eines niederländischen Ärztepaares zurück. Die Mediziner reisten 1972 in den Jemen, um zu helfen. Siebzehn Jahre später wurde Worldwide Services offiziell als gemeinnützige Organisation in Bleiswijk bei Rotterdam gegründet.

In Fachkreisen war das kleine Team unbekannt, selbst bei den wenigen anderen Helfern, die in Saada noch arbeiten. Bis auf das Rote Kreuz und Ärzte ohne Grenzen meiden die meisten Entwicklungsdienste die Region, weil der Krieg zwischen schiitischen Rebellen und dem Militär die Gegend sehr unsicher macht. Außerdem will die Regierung nicht, dass zu viele Ausländer zusehen, wie brutal sie gegen die Aufständischen vorgeht.

Worldwide Services arbeitet mit nur 25 Mitgliedern ausschließlich im Jemen. Fast alle sind im staatlichen Al-Dschumhuri-Krankenhaus stationiert, wo es etwa 30 Patientenbetten gibt. Drei Verwaltungskräfte leben in der Hauptstadt Sanaa. Das Team unterhält am Krankenhaus eine medizinische Ambulanz, hilft bei den täglich zehn bis fünfzehn Geburten, bei Operationen und der Behandlung der Augenkrankheit grauer Star.

Die Mitarbeiter stammen aus den Niederlanden, aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, den USA, Südkorea und Australien. Eine intensive Vorbereitung auf den Aufenthalt im Jemen gibt es nicht. Wer Interesse habe, rufe die Leute in Saada an und informiere sich so über die Lage, sagt Lieverse.

Anders als bei renommierten Hilfsorganisationen werden die Fachkräfte, die Worldwide Services ins Ausland schickt, in der Regel nicht von der Organisation selbst bezahlt. Sie müssen zuvor Spender für die Kosten ihres Aufenthalts finden oder diesen selbst finanzieren. Lieverse sagt, jeder Geldgeber sei willkommen, oft seien es private Spender.

Auch christliche Organisationen seien darunter, evangelikale Freikirchen wolle er nicht ausschließen. Er wisse nicht, wer die Entführungsopfer finanziert habe, sagt Lieverse. Religiöses Missionieren sei bei Worldwide Services untersagt, aber man könne nicht prüfen, was einzelne Personen vor Ort machten.

Studentinnen im dritten Jahr

Die getöteten deutschen Frauen Anita G., 24, und Rita S., 25, waren Studentinnen im dritten Jahr an der evangelikalen Bibelschule Brake bei Lemgo in Westfalen. Die Krankenpflegerinnen, die einer russlanddeutschen Baptistengemeinde im Raum Gifhorn angehörten, wollten "den Armen helfen" und hätten ein "ausgeprägtes sozial-diakonisches Engagement" bewiesen, sagt ein Schulsprecher.

Sie traten das Praktikum bei Worldwide Services in Saada Anfang Juni an, es sollte drei Monate dauern. Die Schule habe nicht für den Aufenthalt bezahlt, betont der Sprecher. Die jungen Frauen seien "sehr vernünftig" gewesen, sie hätten nicht den Auftrag gehabt zu missionieren.

Als eines der Studienziele gibt die 1959 gegründete Schule allerdings auf ihrer Internetseite an, jeder Absolvent solle ein "Herz für Mission" haben. "Obwohl nicht alle Absolventen Missionare im Ausland sein werden, soll jeder aktiv und vorrangig an der Weltmission beteiligt sein", heißt es dort weiter. Als einer der neun Glaubensgrundsätze ist von der Verantwortung jedes Gläubigen die Rede, "das Evangelium allen Menschen zu verkünden".

Wegen ihres Drangs zur Missionierung und weil zahlreiche Gemeinden fundamentalistische Ansichten vertreten, ist die Bewegung der Evangelikalen stark umstritten. Sollten Anita G. und Rita S. trotz anderer Verlautbarungen doch missioniert haben, könnte das bei der Entführung "ein verschärfendes Element" gewesen sein, sagt Marcel Pott, langjähriger ARD-Korrespondent für den Nahen Osten. Das radikale Vorgehen der Mörder trage die Handschrift des islamistischen Terrornetzes al-Qaida.