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Deutsche Einheit:Was den Neid in Krisenregionen schürt

90 Jahre lang wurde der Traditionszwieback in Hagen hergestellt. Dann ging die Produktion nach Thüringen.

(Foto: Brandt/dpa)

Die Kommune drückt ein Schuldenberg, Einwohner ziehen weg und dann verlagert ein Unternehmen die Produktion nach Ostdeutschland. Manche Stadt im Ruhrgebiet fühlt sich auch benachteiligt: das Beispiel Hagen.

Natürlich bringe es gar nichts, Regionen gegeneinander auszuspielen, sagt Klaus Kaiser, Sozialarbeiter aus Hagen. "Aber wenn Firmen aus unserer Gegend im Osten subventionsgestützt expandieren, und gleichzeitig hier Stellen abbauen, dann schürt das natürlich Neid und Missgunst." Kaiser erlebt die Folgen des Strukturwandels täglich unmittelbar. Hagen, das ist tiefstes Ruhrgebiet; das, was man früher "Ruhrpott" nannte. Kaiser ist Geschäftsführer einer privaten Einrichtung für Jugendhilfe. Er betreut unter anderem unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, weiß, wie schwer deren Integration fällt - und kennt daher nur zu gut die sozialen Spannungen, die sich im Laufe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte in der Stadt aufgebaut haben.

Als besonders schmerzhaft wird in Hagen bis heute die mit Steuergeld unterstützte Produktionsverlagerung des alteingesessenen Zwiebackfabrikanten Brandt ins thüringische Ohrdruf im Jahr 2002 empfunden. Rund 500 Stellen gingen verloren; heute beschäftigt die Hagener Firmenzentrale noch 65 Mitarbeiter. Klaus Kaiser nennt solche politischen Entscheidungen "problematisch" - und mit der Einschätzung ist er nicht allein.

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Im August kam das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) in einer bundesweiten Studie zum Ergebnis, dass gleich vier Ruhrgebietsregionen wirtschaftlich abgehängt zu werden drohen. Besonders düster sieht es in der Gegend zwischen Duisburg und Essen aus sowie in der Region Emscher-Lippe, die Bottrop, Gelsenkirchen und Recklinghausen umfasst. Auch Dortmund und Bochum tauchen in der Liste der 19 gefährdeten Regionen auf - und eben Hagen mit 10,4 Prozent Arbeitslosenquote und mit mehr als einer Milliarde Euro Schulden.

Zumindest wurde - auch durch Zuzug aus Südosteuropa - der schleichende Einwohnerrückgang gestoppt. Tatsächlich wächst die Bevölkerungszahl seit 2014 wieder Jahr für Jahr ein wenig. Allerdings ziehen noch immer mehr Bürger mit deutschem Pass fort, als sich in der Stadt niederlassen. Hagen zählt heute laut Statistischem Jahrbuch etwa 195 000 Einwohner, inzwischen haben 39 Prozent von ihnen Migrationshintergrund.

"Wir müssen kämpfen und arbeiten, überall ist es dreckig"

"Wichtige Themen, die das Lebensgefühl der Menschen hier ausmachen, bleiben aber oft auf der Strecke", findet Kaiser. "Schauen Sie sich mal die Sportstätten bei uns an oder die Sauberkeit der Straßen." Die Stadt bemühe sich zwar "redlich", wie er formuliert, aber habe eben ihre Dienstleistungen aus finanziellen Gründen zurückgeschraubt. Er begegne immer öfter einer "harten Haltung, die in Richtung rechtes Gedankengut tendiert", sagt Kaiser. "Das Grundgefühl vieler Menschen ist: Wir müssen kämpfen und arbeiten, überall ist es dreckig, Fehlverhalten wird nicht geahndet, man kann nachts nicht mehr in die Stadt gehen."

Eine große Herausforderung für Hagen stellten sogenannte Problemhäuser dar - Schrottimmobilien, zum Teil ohne Wasser und Strom, bewohnt von Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien, die von Schleppern in diesen Häusern untergebracht werden. Schimmel und Ungeziefer, eine Folge der baulichen Mängel an den verwahrlosten Häusern, griffen auf die Nachbarschaft über, und dort zögen dann die Mieter weg. Das Land Nordrhein-Westfalen startete 2017 ein Modellvorhaben, das den Kommunen Mittel für Ankauf und Abriss oder Renovierung der Problemhäuser zur Verfügung stellt.

Die Fronten in der Stadt seien aber schon so verhärtet, dass solche einzelnen Maßnahmen wie der Abriss eines solchen Problemhauses die Spannungen nicht abbauen würde, sagt Klaus Kaiser. Und auch wirtschaftlich sieht es nicht allzu blühend aus für die Stadt. Seit einem halben Jahr legt die Arbeitslosenquote langsam aber stetig zu, die Zahl der offenen Stellen sinkt.

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