Angela Merkel am Tag der Deutschen Einheit:"Leute, macht die Türen auf"

Tag der Deutschen Einheit  Angela Merkel  Halle

In ihrer wohl letzten Rede zum Tag der Deutschen Einheit rief Angela Merkel in Halle zur Verteidigung der Demokratie auf.

(Foto: Jan Woitas/AFP)

Offen wie selten spricht die Kanzlerin zum Tag der Deutschen Einheit über das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen. Dann erzählt sie von einem schmerzhaften, persönlichen Erlebnis.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

In ihrer mutmaßlich letzten Rede als Bundeskanzlerin zum Tag der Deutschen Einheit hat die Ostdeutsche Angela Merkel einen verbalen Kniefall gemacht vor jenen Menschen in der DDR, die vor 32 Jahren die friedliche Revolution erzwungen und die Demokratie erkämpft haben. "Wir stehen in der Schuld derer, die so viel gewagt haben", sagte Merkel auf den Feierlichkeiten in Halle und erinnerte daran, dass die Demonstrationen mit Gewalt hätten niedergeschlagen werden können: "Wir dürfen nie vergessen, es hätte auch anders kommen können." Nur "wahrhafter Mut" habe die Einheit möglich gemacht.

Merkel sprach ungewöhnlich offen von persönlichen Erfahrungen und schlug den großen Bogen hin zu den Werten der freiheitlichen Demokratie, die es heute besonders zu verteidigen gelte. Für sie persönlich, die noch Bespitzelung, Angst, Repressalien und Unfreiheit erlebt habe, sei Demokratie etwas Besonderes, "weil sie errungen wurde, und weil ich weiß, dass man sie leben und schützen muss". Demokratie sei nicht einfach da, "sie braucht uns, wie wir sie brauchen". Angesichts zunehmender Angriffe auf freiheitliche Grundwerte müssten sich alle ehrlich fragen, wie man miteinander umgehe, wie man demokratische Werte schütze.

Es heiße ja immer, man dürfe ganz verschieden sein, solange man sich auf dem Boden der Verfassung bewege, sagte Merkel. "Doch, ganz ehrlich", sagte sie, so einfach sei es eben nicht. Dann schilderte sie ausführlich das Hüben und Drüben im wiedervereinigten Land. Bislang hatte sie Einblicke in ihre Gefühlswelt stets ebenso vermieden wie explizite Kritik an den Entscheidungs- und Meinungsbildungsstrukturen in der wiedervereinigten Bundesrepublik, die von westdeutsch sozialisierten Personen dominiert werden. In Halle kritisierte sie nun ganz offen, dass sich Bürger aus dem Osten noch immer zu oft als Bürger zweiter Klasse erleben müssten. Das spalte das Land.

35 Jahre ihres Lebens seien als Ballast abgewertet worden, kritisiert Merkel

"Ich möchte Ihnen ein Beispiel aus meinem Leben erzählen", begann Merkel ihre Beweisführung. Ende 2020 habe die Konrad-Adenauer-Stiftung ein Buch veröffentlicht, worin in einem der Aufsätze über sie geschrieben worden sei, "sie, die als 35-Jährige in den Wendetagen mit dem Ballast der DDR-Vergangenheit zur CDU kam, konnte natürlich kein von der Pike auf sozialisiertes CDU-Gewächs altbundesrepublikanischer Prägung sein". Ballast, sagte Merkel, das sei laut Duden "eine schwere Last von geringem Wert, die zum Gewichtsausgleich mitgeführt oder als unnütze Last abgeworfen werden kann". Übertragen heiße das also, 35 Jahre ihres Lebens seien Ballast, gehörten als unnütze Last abgeworfen? Sie erzähle das jetzt als eine von 16 Millionen Bürgern und Bürgerinnen, die solche Bewertungen erleben müssten.

Auch das zweite persönliche Beispiel ist eindringlich. 2015, in der Flüchtlingskrise, sei ihr vorgeworfen worden, sie sei keine geborene, sondern nur eine angelernte Bundesbürgerin und Europäerin. "Gibt es zwei Sorten Deutsche und Europäer", fragte Merkel, "das Original und die Angelernten, die beweisen müssen, dass sie dazugehören, und jeden Tag durch diese Prüfung fallen können?" Und überhaupt: "Wer entscheidet, wer die Werte und Interessen des Landes versteht und wer das nicht tut oder nur angelernt - und welches Bild der Wiedervereinigung wird dadurch sichtbar?"

Die Kanzlerin kam noch auf Europa, die Welt und Afghanistan zu sprechen, bevor sie mit einer dringlichen Bitte nach mehr gegenseitigem Interesse endete. Die Menschen in der DDR hätten Verantwortung für Freiheit und Demokratie übernommen, das gelte es, im wiedervereinigten Land zu würdigen und weiterzuführen. "Leute, macht die Türen auf und schaut, was dahinter ist. Wir brauchen Respekt vor dem Leben und den Erfahrungen und der Demokratie." Das Publikum dankte mit Standing Ovations.

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