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Deutsche Einheit:Die Kluft zwischen Ost und West muss sich schließen

25 Jahre Deutsche Einheit

Die Mauer zwischen DDR und BRD ist Vergangenheit. Aber etliche Ungleichheiten sind es nicht.

(Foto: dpa)

Bei der Wiedervereinigung Deutschlands sind folgenschwere Fehler gemacht worden - davon profitiert heute die AfD. Doch dagegen lässt sich etwas tun.

Man muss schon mit einem ziemlich sonnigen Gemüt ausgestattet sein, um diesen 30. Jahrestag des Mauerfalls ausgelassen zu feiern. Natürlich macht die Erinnerung daran froh, dass die Bürger der DDR sich ihre Freiheit erkämpften, dass Ost- und Westdeutschland zusammenwuchsen. Aber der Blick darauf, wo das Land drei Jahrzehnte nach diesem überwältigenden Ereignis steht, dämpft die Freude - zunächst jedenfalls. Und erst beim zweiten Hinschauen zeigt sich, dass nicht alles nur Anlass zur Sorge gibt.

Die Mauer zwischen DDR und BRD ist Vergangenheit. Aber etliche Ungleichheiten sind es nicht. Die Menschen im Osten verdienen im Schnitt deutlich weniger als die im Westen, haben niedrigere Renten, ein höheres Risiko, ihre Arbeit zu verlieren oder in Armut abzurutschen, und sehr viel geringere Chancen, an Spitzenjobs zu kommen.

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Gewiss, in den vergangenen drei Jahrzehnten sind eine Reihe ostdeutscher Städte aufgeblüht; ein Teil der Bürger dort ist zu Wohlstand gelangt; die Animositäten zwischen Ost und West sind geringer geworden. Aber es bleibt die Erkenntnis, wie lange und stark Fehler nachwirken, die vor Jahrzehnten gemacht worden sind. Von dem, was die DDR in das vereinigte Deutschland hätte einbringen können, zählte fast nichts. Die erhaltenswerten Teile ihrer Wirtschaft, gesellschaftliche Errungenschaften wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Erfahrungen mit dem Leben in einer Diktatur und dem erfolgreichen Widerstand dagegen - all das spielte keine oder kaum eine Rolle, als es darum ging, aus zwei Staaten einen zu formen. Die Chance, eine neue, gemeinsame Verfassung zu erarbeiten, über deren Entwurf die Bürger der DDR und der BRD erst leidenschaftlich gemeinsam hätten diskutieren und dann zusammen hätten abstimmen können, ließ die damalige Regierung Kohl gezielt verstreichen.

Die Kluft zwischen Ost und West muss endlich verringert werden

Der Westen signalisierte dem Osten mit nahezu allem, was er tat und was er unterließ: Seid froh, dass wir euch aufnehmen. Und im Osten gaben sich längst nicht alle, aber doch zu viele Menschen erst einmal damit zufrieden.

Dem kurzen Einheitsrausch folgte ein langer Kater. Seine Symptome wie Frust vor allem im Osten und gegenseitige Fremdheit ziehen sich bis in die Gegenwart und übertragen sich von den Älteren auf die Jüngeren. Das Gefühl, den Kürzeren gezogen zu haben und nicht wirklich gehört zu werden, treibt der AfD im Osten noch viel mehr Wähler zu als im Westen. Was überall wirkt, wirkt in den gar nicht mehr so neuen Bundesländern besonders stark: die Angst, den Anforderungen von Globalisierung und Digitalisierung nicht gerecht zu werden; der Eindruck, die da unten seien denen da oben egal; das Hadern mit der liberalen Demokratie.

Als Entschuldigung dafür, sein Kreuz bei der AfD zu machen, geht das freilich nicht durch. Etwa 25 Prozent aller Stimmen für eine mit Rechtsextremisten durchsetzte Partei bei drei Wahlen jüngst im Osten und etwa 14 Prozent in Umfragen für Gesamtdeutschland: Das ist nicht nur besorgniserregend. Das ist auch eine Schande, so wie es eine Schande ist - und besonders in der Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 auch ein Schmerz -, dass Antisemitismus und Rassismus in diesem Land wieder angewachsen sind.

Wache Zivilgesellschaft, die sich gegen Hass und Ausgrenzung stemmt

Trotz alledem gibt es keinen Grund, nur Trübsal zu blasen. Im Westen wie im Osten entscheidet sich noch immer eine große Mehrheit der Wähler für demokratische Parteien. Und hüben wie drüben gibt es eine wache Zivilgesellschaft, die sich gegen Hass und Ausgrenzung stemmt.

Hinzu kommt: Längst nicht alles, was Verdruss in den neuen Bundesländern auslöst, muss so bleiben. Daran, dass die Infrastruktur in manchen Landstrichen marode ist, lässt sich etwas ändern, wenn verantwortliche Politiker Ideen und Geld investieren. Das Gefälle der Einkommen und Renten hüben und drüben könnte man in den Mittelpunkt einer großen Debatte stellen, die dann auch Druck entfalten würde. Und es wäre kein Hexenwerk, Spitzenpositionen von Politik, Unternehmen oder Wissenschaft mit deutlich mehr Ostdeutschen als bisher zu besetzen. All das und mehr wäre möglich, um die Kluft zwischen Ost und West zu verkleinern. Man muss es nur wollen.

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