Süddeutsche Zeitung

Deutsche Einheit:Merkels Systemkritik

In Kiel hält die Kanzlerin eine Rede, in der sie Verständnis für die Nöte der Ostdeutschen äußert. Aber sie sagt auch, dass man "den Staat" nicht immer als Ausrede für alle möglichen Defizite benutzen dürfe.

Ihren ersten Tag der Einheit als Kanzlerin erlebte Angela Merkel 2006 in Kiel. Deshalb schloss sich ein Kreis, als Merkel jetzt zu diesem Anlass erneut in die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins kam. Dass der zentrale Festakt schon nach 13 Jahren wieder in Kiel stattfand, obwohl sich 16 Bundesländer - nach Größe aufgereiht - im Vorsitz des Bundesrates und damit bei der Ausrichtung der Feierlichkeiten abwechseln, ist eine Folge deutscher Wirklichkeit: Wegen des Bevölkerungsrückgangs sind inzwischen drei Ost-Länder - Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen - in der Einwohnerzahl gegenüber Schleswig-Holstein zurückgefallen. Sie müssen sich hinten anstellen.

Merkel hat in ihrer Kanzlerschaft anfangs jährlich, später immer seltener auf der zentralen Feier zur deutschen Einheit gesprochen. Vor Kiel 2019 lag ihre letzte Rede sogar fünf Jahre zurück. Und immer größer geworden sind auch die Unterschiede in dem, was sie jeweils beschrieb: In Hannover 2014 führte die Kanzlerin noch Umfragen an, wie zufrieden sich vor allem junge Menschen in Ost und West über die Wiedervereinigung zeigten. Jetzt in Kiel zitierte sie Erhebungen, wonach sich viele Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse sähen und die Zustimmung zur Demokratie bedenklich sinke.

Merkels Rede 2019 war wohl die ambivalenteste Bilanz zur Einheit, die sie bisher gezogen hat. Vor fünf Jahren dominierte auch bei ihr noch die Betonung des Erreichten, eingeschränkt nur durch einen eher pflichtschuldigen Halbsatz aus der Abteilung: "Natürlich noch viel zu tun, aber ..." 2019 hat sich die Kanzlerin selbst korrigiert: Dass im Osten viel erreicht wurde, sei richtig, aber nicht die ganze Wahrheit. Die staatliche Einheit sei vollendet, aber nicht die Einheit der Deutschen. Und die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage stehe nicht für eine wachsende Identifikation mit dem politischen System.

In Kiel 2006 hatte Merkel wohl die am meisten ostdeutsche ihrer Einheitsreden gehalten. Damals las sie dem selbstgerechten Westen für seine bräsig-bürokratische Bequemlichkeit die Leviten. Dass sie eine so persönliche Rede seither nicht mehr gehalten hat, mag daran liegen, dass Merkel ihre ostdeutsche Herkunft zugunsten der Rolle als Kanzlerin aller Deutschen verschwimmen ließ. Es könnte auch damit zu tun haben, dass sich, wie bei vielen Ostdeutschen, kaum jemand dafür interessierte. Vor allem aber verkörpert sie heute selbst das System, in dem viele die Ursache allen Übels sehen. Nach 14 Jahren Kanzlerschaft kann Merkel sich nicht aus ihrer Verantwortung für manches Defizit stehlen, das sie selbst beklagt.

Die Kritik, die am Zustand der Einheit geübt wird, ist Kritik, die sich nicht zuletzt gegen Merkel richtet. Aber die Kanzlerin hat in Kiel erkennen lassen, dass sie das Feld nicht kampflos räumt: Was Merkel über das Verhältnis von Individuum und Staat, über Freiheit und Verantwortung sagte, war natürlich auch eine Verteidigung in eigener Sache. Als Ostdeutsche erinnerte sie die Ostdeutschen an DDR-Zeiten, als der Staat so vieles verbot und behinderte, dass er schnell auch als Ausrede für das herhalten musste, wofür er gar nichts konnte. Das war eine Mahnung, es sich heute mit der Systemkritik nicht zu leicht zu machen. Und ihr Plädoyer, den Kompromiss in der Demokratie nicht gleich als Verrat am Notwendigen zu denunzieren, war in Zeiten des Streits um die Klimapolitik zweifellos gesamtdeutsch gemeint.

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SZ vom 04.10.2019/aner
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