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Deutsche Einheit - Durchbruch vor 30 Jahren:"Gorbatschow fühlt sich durch den Westen hintergangen"

25 Jahre Mauerfall - Gorbatschow

Gorbatschow 2014 anlässlich der Feierlichkeiten zu 25 Jahre Mauerfall in Berlin am Brandenburger Tor.

(Foto: Ian Gavan/dpa)

Am 10. Februar 1990 erteilte Michail Gorbatschow sein grundsätzliches Einverständnis zur deutschen Einheit. Warum der damalige sowjetische Staatschef mit dieser historischen Entscheidung nicht glücklich wurde, erklärt sein Biograf William Taubman.

Es ist ein Datum, das in der historischen Betrachtung der deutschen Einheit kaum Beachtung findet: Am 10. Februar 1990 erklärte der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow seine grundsätzliche Bereitschaft, die deutsche Wiedervereinigung zu akzeptieren. Bei einer Pressekonferenz in Moskau verkündete Bundeskanzler Helmut Kohl damals: "Generalsekretär Gorbatschow und ich stimmen darin überein, dass es das alleinige Recht des deutschen Volkes ist, die Entscheidung zu treffen, ob es in einem Staat zusammenleben will."

William Taubman, der US-amerikanische Pulitzer-Preisträger und Autor der Biografie "Gorbatschow: Der Mann und seine Zeit", äußert sich im Interview zu Gorbatschows Großzügigkeit - aber auch zu den Fehlern, die er machte.

SZ: Wenn man berücksichtigt, dass es vier Jahrzehnte lang nahezu unmöglich erschien, dass Deutschland eines Tages wiedervereinigt werden würde, dann kam die deutsche Einheit nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 ein knappes Jahr später ja unglaublich schnell. Warum stimmte Gorbatschow bereits nach drei Monaten dem Zusammenschluss von Bundesrepublik und DDR grundsätzlich zu?

William Taubman: Die sowjetischen Staatsführer, die die Wiedervereinigung Deutschlands 40 Jahre lang blockierten, waren Kommunisten mit einem leninistisch-stalinistischen Feinddenken. Die DDR war der kommunistischen Welt zugeschlagen worden, und warum sollte diese den deutschen Arbeiter- und Bauernstaat an das gegnerische Lager herausgeben?

Im Gegensatz dazu war Gorbatschow 1989 bereits von einem Reformkommunisten quasi zu einem Sozialdemokraten mutiert. Dem ihm nahestehenden Berater Andrei Gratschew hatte er anvertraut, dass es sein geheimer Traum gewesen sei, "eines Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass die Berliner Mauer von selbst gefallen ist".

Aber als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl Ende November 1989 mit seinem Zehn-Punkte-Programm zur Lösung der deutschen Frage vorpreschte, fühlte sich Gorbatschow überrumpelt und war empört.

Ja, weil er zunächst andere Pläne hatte. Seine Hoffnung bestand darin, dass die DDR und die anderen osteuropäischen Verbündeten Moskaus dem Reformpfad folgen würden, den er mit der Sowjetunion vorausgegangen war. Für absehbare Zeit sollten die zwei Teile Europas aus seiner Sicht getrennt bleiben - mit eigenen politischen und ökonomischen Systemen sowie einem jeweils eigenen Verteidigungsbündnis.

Doch er setzte darauf, dass die Gesellschaften der zwei Lager im Laufe der Zeit einander zunehmend ähnlicher und dass die Nato und der Warschauer Pakt ihren militärischen Charakter teilweise zugunsten einer politischen Agenda verlieren würden, bis man beide Bündnisse durch eine gemeinsame europaweite Sicherheitsarchitektur ersetzen könnte, basierend auf der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Eine schnelle Wiedervereinigung Deutschlands hätte diesem langsamen aber umfassenden Annäherungsprozess im Wege gestanden.

Der US-amerikanische Politologe William Taubman erhielt für seine Biografie des früheren Sowjetführers Nikita Chruschtschow den Pulitzer-Preis. Auch seine Lebensgeschichte Michail Gorbatschows fand ein weites Echo.

(Foto: Michele Stapleton)

Warum änderte Gorbatschow dann seine Meinung in so kurzer Zeit?

Als er sah, wie schnell die DDR in ihren bisherigen Strukturen zerfiel, begriff er, dass es für Moskau besser war, die ohnehin unausweichliche Wiedervereinigung Deutschlands zu akzeptieren. Natürlich war das kein ganz uneigennütziges Kalkül: Er rechnete sich dabei aus, dass die Deutschen der Sowjetunion dankbar sein würden, und das wiedervereinigte Deutschland als größtes und wirtschaftlich stärkstes Land Westeuropas ein langjähriger Partner Moskaus werden würde.

War Gorbatschow nicht sehr naiv, als er glaubte, eine neue Weltordnung auf Augenhöhe mit westlichen Partnern aufbauen zu können, die davon überzeugt waren, dass sie den Kalten Krieg gewonnen hatten?

Ja, Gorbatschow war in seinem Bemühen, die Sache so anzugehen, ohne jeden Zweifel zu gutgläubig. Aber ich möchte zu bedenken geben, dass es im Westen damals Signale gab, die er als Bestätigung seiner Position interpretieren konnte. Bei einer Rede in Tutzing am 31. Januar 1990 drängte zum Beispiel der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Nato dazu, folgende Erklärung abzugeben: "Was auch immer innerhalb des Warschauer Paktes geschieht, es wird keine Ostausweitung der Nato geben, das heißt: näher an die Grenzen der Sowjetunion heran."

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