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Deutsche Einheit:Warnung vor Zuständen wie 1914

Wenige Wochen später war der Groll auf Kohl im Élysée-Palast noch gewachsen: Am 20. Janaur 1990 sprach Mitterrand davon, dass die "schlechten Deutschen", die einst Europa dominierten, nun erneut groß erscheinen könnten.

Der Franzose fürchtete, Kohl könnte einen Weg einschlagen, der einem modernen Deutschland mehr Macht verschaffen würde, als Hitler jemals hatte. Dass sich Deutschland inzwischen vier Jahrzehnte lang als verlässlicher Partner gezeigt hatte und eine stabile Demokratie war, kümmerte Mitterrand offenbar wenig.

Kuhhandel mit Kohl

Stattdessen gab der Franzose dem Thatcher-Intimus Powell eine schrille Warnung an dessen Chefin mit: Bei territorialer Vergrößerung Deutschlands könnte der Kontinent auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückfallen - einer Ära, als das Reich vom größenwahnsinnigen Kaiser Wilhelm II. regiert wurde.

Mitterrands Alarmismus blieb ebenso folgenlos wie Thatchers Ängste: Sowjetführer Michail Gorbatschow stimmte dem Vereinigungswunsch der Deutschen zu, der US-Präsident George Bush, der Ältere, befürwortete das Ende der Teilung ohnehin.

Mitterrands Vorbehalte schwanden, nachdem er der Bundesregierung einen Kuhhandel abgerungen hatte: Sein Plazet zur Wiedervereinigung verküpfte er mit Bonns Zusage zu einer europäischen Gemeinschaftswährung - damit war Deutschland noch enger an Europa gebunden. Eine derart in die EU eingebettete Bundesrepublik war weit weniger furchteinflößend.

Und Thatcher? Sie wurde von ihrem Außenamt gedrängt, den Deutschen nicht im Wege zu stehen. Außenminister Douglas Hurd warnte davor, das Vereinigte Königreich würde nun als "Gegner, oder mindestens als eine Bremse" der Wiedervereinigung wahrgenommen. London drohte sich außenpolitisch zu isolieren, aufhalten konnte man nach dem grünen Licht aus Moskau und Washington den Lauf der Dinge ohnehin nicht.

Aus Hurds Ministerium wurde eine "positive Intervention" der Premierministerin gefordert. Alternativen seien schlecht für die Interessen Großbritanniens. Und: Eine anhaltende Feindseligkeit der britischen Regierung würde genau jenen Nationalismus in Deutschland befördern, den man verhindern wolle - und dem "sprunghaften (damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar) Lafontaine Anti-Nato-Material" liefern, so heißt es in den Akten. Am Ende beteiligte sich Großbritannien doch an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen.

Bleibt die Frage, warum White Hall gerade zum 20. Wende-Jubiläum die delikaten Vermerke öffentlich macht. Das ist ungewöhnlich - üblicherweise werden sie 30 Jahre unter Verschluss gehalten.

Es liegt nahe, dass sich die Diplomaten mit der Publikation selbst auf die Schulter klopfen wollen. Schließlich hat das Außenamt einst die störrische Premierministerin zur Aufgabe ihrer harten Haltung gedrängt. Wäre sie dabei geblieben, hätte Britannien dumm dagestanden.