Deutsche Einheit Die Spaltung geht durch die Gesellschaft - und durch die Individuen

Nervositäten und Gereiztheiten nehmen zu wegen des Gefühls, dass überall sozialer Abstieg lauert. In den Debatten über Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen steckt der Wunsch nach einer Obergrenze für die Probleme, denen man sich zu stellen hat. Es gibt eine hohe Zahl von geflüchteten Menschen in Deutschland und einen erbitterten, oft gehässigen Streit darüber, wie man mit den Folgen umgehen soll.

Die Auseinandersetzung zerreißt Gesellschaft und Parteien. Es gibt zum einen Verständnis und Engagement für Migranten, und es gibt zugleich die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität. Wenn man Umfragen liest, hat man das Gefühl, diese Spaltung geht nicht nur durch die Gesellschaft, sondern auch durch die Individuen; es scheint eine In-sich-Spaltung zu geben, ein Hin- und Her-gerissen-Sein zwischen Humanität und Abwehr. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat Angst vor Ausländerfeindlichkeit, nicht einmal ein Drittel vor Überfremdung. Aber zugleich halten es nicht wenige mit dem US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, der keine Muslime mehr ins Land lassen will.

Es gibt Teile der Gesellschaft, die absolut keine Vorteile in einer offenen Gesellschaft sehen wollen, die von einer ethnisch homogenen Nation schwärmen, eine aggressive Feindschaft gegen Migranten plakatieren und praktizieren. Radikale Elemente propagieren den Widerstand gegen "das System", das Flüchtlinge aufnimmt. Als vor einem Vierteljahrhundert der Kommunismus zusammengebrochen war, freuten sich viele auf eine entfeindete Demokratie. Es war dies eine Täuschung. Es entwickeln sich neue Feindschaften; sie entwickeln sich auch aus der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus. Dieses Feinddenken hat aber eine paranoide Tendenz.

Multipel gespalten, in Teilchen zerbröckelt

Die Gesellschaft ist multipel gespalten, sie ist in Teilchen zerbröckelt, wie man das von alten Autoscheiben kennt, durch die man dann kaum noch Sicht hatte. Als Krakelee ("craquelé" ist im Französischen das Wort für "rissig") bezeichnet man bei Ölgemälden oder Keramikglasuren das Netz von Rissen auf der Oberfläche; das kann altersbedingt sein. Es entsteht, wenn der Gegenstand starken Temperaturschwankungen ausgesetzt ist und der Untergrund sich ausdehnt oder zusammenzieht, die Farbe sich aber den Bewegungen des Untergrunds nicht anpassen kann. Bei Bildern kann man das lassen; da betrifft Krakelee nur die Oberfläche. Die multiplen Risse in der Gesellschaft aber gehen tief. Sie haben Zerstörungskraft. Staat und Gesellschaft müssen sich selbst restaurieren.

Da reicht es nicht, mit Pinsel und Tinkturen zu hantieren. Es geht um eine die Menschen wertschätzende Neu-Verhandlung von gesellschaftlichen Positionen. Es gilt, soziale Gleichheit zu verbessern und, zum Beispiel, den sozialen Berufen mehr Anerkennung zu geben. Es gilt, die Abwertung der Schwächeren (auch in Pflegeheimen) zu beenden. Eine Gesellschaft, die den Wert des Menschen nur mit dem Lineal der Ökonomie misst, ist unmenschlich.

Eine Politik, die den Verbitterten und den Selbstgerechten mit hemmungsloser Sprache recht gibt, ist gefährliche Politik. Die Politik muss aber ehrlich sein und nicht herumdrucksen, wenn es um die Kosten von Flüchtlingsaufnahme geht. Und es wird gut sein, die Eliten und Besserverdienenden wieder in die Solidargemeinschaft zurückzuholen, auch mit Mitteln der Steuer und einem Steuerspitzensatz, der so hoch liegt wie zu Helmut Kohls Zeiten. Die deutsche Demokratie muss zeigen, dass sie die Kraft hat, ihre Leitkultur zu revitalisieren. Die steht im Grundgesetz. Sie heißt sozialer Rechtsstaat.

Dresden, die anhaltend sonderbare Stadt

Schlecht gelaunte Pegidisten, Debattenkater und dann auch noch Sprengstoffanschläge. Wie sich die Stadt Dresden vor der großen Feier zum Tag der Deutschen Einheit anfühlt. Von Cornelius Pollmer mehr ...