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Deutsche Bahn:Auf der Strecke

Die Politik drückt sich vor einer Entscheidung über die Zukunft der Bahn: Sollen Züge überall im Land zuverlässig und in schnellem Takt fahren, soll die Digitalisierung vorangehen - oder soll der Konzern vor allem Kosten senken und günstig wirtschaften? Eine Entscheidung muss her.

Von Markus Balser

Wer heute im Regionalzug den Laptop aufklappt, wer im ICE noch schnell per Handy etwas besprechen will, wer gar erfahren möchte, warum man seit einer halben Stunde ohne Erklärung im ICE vor der nächsten Stadt auf dem freien Feld steht, der weiß: Eine Fahrkarte für die Deutsche Bahn ist auch 2018 häufig das Ticket in eine Welt vor der Digitalisierung. In eine digitale Entwöhnung, die Millionen Deutsche zum Bücherlesen zwingt - viel Zeit wegen immer häufigerer Verspätungen inklusive.

Die Lage für den Staatskonzern war schon viele Jahre nicht mehr so verfahren wie heute. Zwar ist aus der Beamtenbahn längst ein global agierender Konzern geworden. Einer, der Hightech-Zugstrecken am Golf plant, Container von Shanghai nach New York bringt, Bustrassen in Großbritannien bedient. Aber leider auch einer, der es gerade immer seltener schafft, Pendler pünktlich und mit einem zeitgemäßen Service von A nach B zu fahren. Die Verspätungen nehmen zu statt ab.

Die Zeit wäre eigentlich günstig für den großen Wurf im Geschäft auf der Schiene. Der Reisemarkt boomt, der Gütertransport auch. Noch nie waren so viele Menschen und Waren unterwegs wie heute. Und noch nie war der Druck wegen Verkehrsproblemen auf den Straßen, schlechter Luft in den Städten und der wachsenden Klimaprobleme so groß, Alternativen zu Autos und Lkw zu entwickeln. Doch es passiert, mal abgesehen von vielen Sonderangeboten, erschreckend wenig. Pläne für neue Schnelltrassen gibt es nicht. Und ein besseres Taktsystem, das unkompliziertes Reisen im Stundentakt ermöglichen könnte, ist nur angedacht.

An diesem Mittwoch nun wollen Bahn und Bundesregierung eine mögliche Lösung präsentieren: Die Digitalisierung des gesamten deutschen Schienennetzes. Was in Deutschland noch nach ferner Zukunft klingt, ist andernorts bereits Realität. In der Schweiz etwa steuern wenige Betriebszentralen den Verkehr. Anders in Deutschland: Hier sind es noch immer Tausende Stellwerke.

Die Politik drückt sich vor einer Entscheidung über die Zukunft des Konzerns

Bislang hatte ausgerechnet das wichtigste europäische Bahnland den verabredeten digitalen Ausbau blockiert. Dabei wäre die Digitalisierung ein gewaltiger Fortschritt. Es könnten mehr Züge fahren und wohl auch pünktlicher ankommen. Der Haken daran: Das Projekt würde fast 30 Milliarden Euro kosten. Denn Schienen und Fahrzeuge müssten aufgerüstet werden. Das ist zu viel für das Unternehmen, das wirtschaftlich gerade sehr wacklig dasteht. Die Schulden der Bahn erreichen Rekordstände. Weil Projekte wie Stuttgart 21 finanziell aus dem Ruder laufen. Und weil Sparten wie der Güterverkehr ein Sanierungsfall sind. Die Regierung aber ist noch unentschieden, ob sie Milliarden für die Digitalisierung nachschießen soll. Vor allem der Finanzminister meldet Zweifel an. Es droht Stillstand auf den Gleisen.

Dabei wäre ein beherzter Aufbruch nötig. Die Bundesregierung muss endlich eine klare Antwort auf die Frage liefern, welche Rolle die Bahn in Deutschland künftig im Fern- und Nahverkehr eigentlich spielen soll. Will die Politik eine Staatsbahn, die in jeden Winkel des Landes fährt? Und darf dies den Staat auch einige Milliarden kosten? Oder soll die Bahn mehr ein privates Unternehmen sein und dem Finanzminister Gewinne liefern und dafür Kosten senken? Die Zeit für eine Antwort drängt. Die Politik sollte für die Bahn ein Ticket lösen - eines in die Zukunft.

© SZ vom 19.09.2018
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