Carl Schurz Wie ein Deutscher zum US-Staatsmann wurde

Carl Schurz während des Amerikanischen Bürgerkrieges, 1862/63 Carl Schurz (1829-1906), deutschstämmiger amerikanischer Politiker und Journalist. Er war seit 1860 Mitglied der Republikanischen Partei und in den Jahren 1877-81 amerikanischer Innenminister. Schurz kämpfte während des Sezessionskrieges (Amerikanischer Bürgerkrieg) auf Seiten der Unionstruppen u.a. während des Winterfeldzuges 1862/63 in der Schlacht um Fredericksburg.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der 1848er-Revolutionär Carl Schurz flüchtet in die USA - und bringt es bis zum General und Minister. Seine Memoiren schildern eine furiose Karriere.

Von Harald Eggebrecht

Größe 5 Fuß 9 Zoll, Haare blond, Stirn frei, Augenbrauen blond, Augen grau, Nase klein, Mund gewöhnlich, Bart Schnurrbart noch schwarz, Kinn länglich, Gesichtsbildung länglich, Gesichtsfarbe gesund". Besondere Kennzeichen: "pflegt Brille zu tragen". So lautet der Steckbrief von 1851 im Koblenzer Landeshauptarchiv, der dem Jungrevolutionär Carl Schurz galt, der 1829 im rheinischen Liblar geboren wurde.

Dieser Mann nahm an der zuletzt scheiternden Revolution von 1848/49 aktiv teil, entkam der Festnahme und möglichen Erschießung nach der Eroberung der Rebellenbastion in Rastatt auf einer Flucht in letzter Minute durch den Abwasserkanal, emigrierte über die Schweiz, England und Paris schließlich in die USA, wo er es vom Journalisten und Anwalt in der Lincoln- Administration bis zum Generalmajor während des Bürgerkrieges brachte, später auch noch US-Innenminister wurde und der erste gebürtige Deutsche war, der in den amerikanischen Senat einzog.

Geschichte der USA Die Frau, die Lincolns Mörder half
Hinrichtung von Mary Surratt

Die Frau, die Lincolns Mörder half

1865 starben in Washington vier Menschen am Galgen, weil sie in den Mord an US-Präsident Lincoln verstrickt waren. Erstmals wurde auch eine Frau exekutiert. Wer war Mary Surratt?   Von Martin Anetzberger

Schurz, immerhin einer der Gründungsväter der Republikanischen Partei, von der er sich später distanzierte und sich auch unter anderem mit Mark Twain gegen die imperialistische Expansionspolitik der USA unter Theodore Roosevelt wandte, starb 1906 in New York, diesseits und jenseits des Atlantiks damals hoch geachtet als bedeutendster Deutschamerikaner des 19. Jahrhunderts. Mark Twain schrieb in Harper's Weekly einen bewegenden Nachruf auf seinen Freund und, wie er sagt, "Lehrmeister in Staatsbürgerkunde."

Erstaunlicherweise ist dieser, um es altmodisch zu sagen, hochgemute, so tapfere wie den Menschen zugetane Politiker heute in Deutschland so gut wie vergessen, auch wenn nach ihm Straßen, Schulen und eine Kaserne benannt sind. Dagegen zählt er in den Vereinigten Staaten weiterhin zu den wichtigsten Staatsmännern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Knapp erzählt, ohne Effekthascherei, skeptisch auch gegen sich selbst

Er war es, der als Innenminister eine neue Indianer-Politik einleitete, in dem er die Zuständigkeit, die bis dahin dem Kriegsministerium oblag, in zivile Verwaltung überführte. Auch setzte er sich, darin ganz deutscher Romantiker, für den Erhalt von Wäldern und Bäumen ein.

Dass Schurz auch ein begabter Journalist und Schriftsteller war, belegen seine höchst lesenswerten "Lebenserinnerungen", die Daniel Göske neu herausgegeben und mit zahlreichen zusätzlichen Notaten von Schurz in Korrespondenzen und Artikeln angereichert hat, sodass die beiden Bände zusammen die bisher umfangreichste deutsche Schurz-Edition darstellen.

Abraham Lincoln

Starpräsident, Märtyrer, Ikone

Dazu zählt auch der ausführliche Anmerkungsapparat, der den Haupttext wie ein Generalbass begleitet und die vielen erwähnten Personen, Orte und Begegnungen mit vielfältigen Informationen anreichert und so Beziehungsgeflechte und politische Netzwerke in ihrem historischen Kontext verdeutlicht.

Schurz begann mit der Niederschrift seiner Erinnerungen in den Achtzigerjahren erst skizzenhaft und dann um 1900 konsequent, konnte sie aber nicht vollenden. Der zweite Teil schließt mit seinem ersten großen politischen Erfolg, der Wahl zum Senator von Missouri 1869. Mit seinen späteren Jahren befassten sich dann die Historiker Frederick Bancroft und William Dunning für den dritten Band, der aber hier keine Berücksichtigung fand.