bedeckt München 16°

Deutsche Außenpolitik:Gaucks Freiheitsbotschaft

Es könnte die Aufgabe des jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck sein, mit seiner einzigartigen Biografie und seinem Wissen um Schuld, Misstrauen und Verständigung, den Deutschen das Angebot zu machen, ihr eigenes Misstrauen zu überwinden, und die gewonnene Freiheit aktiv zu leben.

Gauck Richard von Weizsäcker Bundespräsident

Der aktuelle Präsident und sein Vorgänger: Richard von Weizsäcker (r) besucht 1992 die Berliner Zentrale des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und ihren Leiter Joachim Gauck.

(Foto: dpa)

Die Botschaft wäre klar: Deutschland muss sich selbst annehmen als Kraft für die Freiheit in der Welt. Es muss sich in der Pflicht sehen für das, was es sich selbst zu geben 1945 nicht in der Lage war. Und die Deutschen müssen verstehen, dass sie (außer für ein paar unverbesserliche Hitlerbärtchenmaler) nicht mehr unter Generalverdacht stehen - sondern dass ihr Land als internationale Macht für eine bessere Welt geschätzt ist.

Der Außenminister Polens nennt Deutschland Europas unentbehrliche Nation. Damit ist, anders als Spötter meinen, nicht nur deutsches Steuergeld gemeint. Gemeint ist, dass Deutschland als größtes, stärkstes und geografisch zentrales Land in Europa heute Führungsmacht ist, ob es will oder nicht. Was immer es tut, es hat Auswirkungen auf andere. Sikorski macht deutlich, dass Deutschland diese Rolle annehmen muss, um seine Verantwortung für Europa auszufüllen. Was er indirekt sagt, ist: wir kennen euch, wir vertrauen euch, wir wissen, dass ihr zu den Guten gehört. Begreift es auch endlich selbst!

Doch der Weg zum Begreifen, zum Selbstverständnis in dieser zentralen deutschen Seelenfrage führt über die vielleicht schwerste innere Hürde: über die Versöhnung mit sich selbst. Dieses Land wird seine Rolle nur finden können, wenn es mit sich selbst Frieden macht. Wir müssen uns selbst vergeben - ohne zu vergessen! So wie uns andere längst vergeben haben, ohne zu vergessen.

Dies ist besonders wichtig: Sich selbst zu vergeben heißt nicht, den billigen Schlussstrich zu ziehen. Es bedeutet nicht das Ende des Erinnerns, der Aufarbeitung von Naziverbrechen. Es heißt, sich selbst so weit zu vertrauen, dass man bereit ist, für das Gute auch Risiken einzugehen. Es heißt, in Vergegenwärtigung der Vergangenheit die Verantwortung für die Zukunft anzunehmen, und sie mutig, entscheidungsfreudig und tatkräftig zu tragen, statt ihr verdruckst, kleinmütig und ängstlich auszuweichen. Vergebung befreit zur Verantwortung, nicht aber von der Vergangenheit.

Schluss mit Wegducken

Was bedeutet das in der Außenpolitik? Dass man in der EU mit Elan und Kreativität die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik mitbaut, statt in Brüssel bei jedem Kleinstprojekt auf der Bremse zu stehen. Dass man sich materiell und intellektuell an der Fortentwicklung der Nato beteiligt, statt sich bei den großen Sicherheitsdebatten wegzuducken. Dass man über den Einsatz der eigenen Streitkräfte frei entscheiden kann, dass man dann aber nicht, wie lange in Afghanistan, kneifen darf, wenn es um Kampfeinsätze geht. Und dass man sich im UN-Sicherheitsrat klar zum Richtigen bekennt statt sich, wie in der Libyenfrage, in blamabler Weise davon abzuwenden. Diese Verantwortung ist den Deutschen zumutbar, genauso wie ihnen ihre Geschichte zumutbar ist.

Kurz, es heißt: tätiges Eintreten für die Werte, an denen wir uns selbst nach 1945 aufgerichtet haben, allen voran die Freiheit, Joachim Gaucks Herzensthema. Ein Bundespräsident hat kaum Einfluss auf die Außenpolitik. Aber er kann helfen, die inneren Voraussetzungen für gute Außenpolitik zu schaffen. Wer, wenn nicht der Versöhner und Gottesmann Gauck, könnte den Deutschen in einer großen Rede in der Weizsäcker'schen Tradition klarmachen, dass sie nur dann in Freiheit und in Frieden mit sich, ihren Nachbarn und der Welt leben können, wenn sie den Mut aufbringen, sich selbst zu vergeben?

© SZ vom 04.05.2012/odg
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema