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Deutsche Ängste:Von der Kunst, trotz Angst gelassen zu bleiben

"German Angst" ist ein fester Begriff. Nicht zuletzt der Anschlag auf den BVB hat das Sicherheitsgefühl der Deutschen erschüttert.

(Foto: AFP)

Dortmund, Syrien, Trump. Die Welt scheint aus den Angeln zu fliegen. Dabei kann gerade die Osterbotschaft helfen, die Zuversicht zu stärken.

Ostern steht bevor. Für Christen ist es das wichtigste Fest im Kalender; für Gelegenheitsgläubige und Weiß-nicht-so-genau-Atheisten bedeutet es ein paar freie Tage, vielleicht eine Reise mit der Familie. Vor dem langen Wochenende oder dem Kurzurlaub wünscht man sich im Büro oder an der Ladentheke "schöne, ruhige Feiertage".

Ruhige Feiertage? In Dortmund haben gerade mörderisch veranlagte Narren einen Sprengstoffanschlag auf einen Bus voller Fußballer verübt. Auch das Lkw-Attentat von Stockholm ist erst ein paar Tage alt. Ähnliches gilt für das Giftgas-Massaker in Syrien sowie den Raketenangriff der Amerikaner. Und im Fernen Osten nähert sich eine Flugzeugträgergruppe der US Navy nun Korea, dessen Norden von einem Tyrannen mit einem psychischen Problem beherrscht wird. Vermutlich hat der Tyrann Atomwaffen. Ob es der unberechenbare Präsident Trump auf einen Showdown ankommen lassen wird, weiß man nicht. Immerhin wird man, wenn das Osterfest zur Neige geht, wissen, ob Erdoğans Donnerfeldzug für die Etablierung eines Präsidialsystems mit autoritären Zügen zu einer Mehrheit bei der Volksabstimmung geführt hat.

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Die Politik der Beschleunigung als Tweet und Retweet

Nein, das hört sich nicht so recht nach ruhigen Feiertagen an. Es bestätigt vielmehr jenes diffuse Gefühl, dass die Welt wieder einmal dabei ist, aus den Angeln zu fliegen. Weil die Welt so klein geworden ist, weil das, was in Falludscha oder Idlib passiert, gleich oder später in Stockholm oder London blutige Auswirkungen haben kann, ist jene Bräsigkeit dahin, die Goethe in dem berühmtesten Osterspaziergang der deutschen Kulturgeschichte in diese Worte kleidete: "Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / wenn hinten, weit, in der Türkei, / die Völker aufeinander schlagen."

Hinten, weit, in der Türkei gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass diese Händel uns nicht erreichen. Dank der digitalen Echtzeitübertragung - gibt es eigentlich auch eine Falschzeit? - kann man auf dem Klugtelefon in der Kneipe Satellitenbilder aus Syrien und Augenzeugenberichte aus Mossul abrufen. Es mag sein, dass heute auch nicht mehr passiert als früher. Früher hat man das nur nicht gewusst. Heute dagegen sind die Möglichkeiten so groß wie nie, sehr viel in sehr kurzer Zeit zu erfahren.

Der Informationsüberfluss hat Auswirkungen auf allgemeine Wahrnehmungen wie etwa das Gefühl, dass man nicht mehr "sicher" leben könne. Beschleunigung ist dabei ein Kriterium des politischen Handelns geworden, zumal bei Leuten wie Donald Trump, die "Handeln" nach dem Muster von Tweet und Retweet verstehen. In der guten alten Zeit, die so gut nicht war, dauerte eine veritable Krise wie jene um die sowjetischen Raketen auf Kuba Wochen und "spitzte" sich innerhalb von zehn Tagen zu. Heute sieht Trump auf dem Telefon grausige Bilder von toten "beautiful babies", wie er sich ausdrückte. Wenig später fliegen die Cruise Missiles. Man mag sich nicht vorstellen, was bei einem Tweet-Retweet zwischen Kim Jong-un und Donald Trump zum Nachteil der Welt passieren könnte.

Die Amerikaner waren von der "German Angst" beeindruckt"

Allerdings: Wer alt genug ist, der wird sich daran erinnern, dass es gerade in Deutschland immer wieder Phasen gab, in denen Unsicherheit, ja Angst das gesellschaftliche Klima prägten. (Die Amerikaner waren in den Achtzigerjahren von der German Angst so beeindruckt, dass sie den Begriff als Germanizismus in ihre Sprache aufnahmen.) Da war die Angst vor dem Atomkrieg in der Reagan-Zeit, das Erschrecken wegen des Waldsterbens ( le waldsterben auf Französisch), die Furcht nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl oder, nach dem politischen Wunder von 1989/90, durchaus auch die erste Welle der Angst vor "Überfremdung". Bedenkt man diese kontinuierliche Geschichte der deutschen Ängste, hilft dies auch bei der Analyse der jüngsten Ausprägung der deutschen Sorgen-Welle wegen der Flüchtlinge.

Das heißt nun nicht, dass die irgendwie hysterische deutsche Gesellschaft reflexartig, aber eigentlich grundlos periodisch in Angstzustände verfällt. Es gibt, ganz ohne Angst, gute Gründe dafür, aus der Atomkraft auszusteigen, Landesgrenzen zu sichern oder die Verteidigungspolitik nicht auf Atomwaffen und deren Einsatz im eigenen Land zu gründen. Und dennoch ist hierzulande die Bereitschaft ausgeprägt, das Schlechte so groß zu schreiben, dass man darüber fast das Gute vergessen könnte. Gewiss, Anlass zur Sorge gibt es genug, auch jetzt zu Ostern. Aber wenn das Fest für Christen und Nicht-Christen eine Botschaft hat, dann diese: Nach tiefster Sorge, nach dem Tod am Karfreitag, erwächst größte Hoffnung, die Auferstehung am Ostersonntag.

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