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Deutsch-türkische Beziehungen:Deutschland reicht der Türkei die Hand

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak, der zugleich Schwiegersohn des Präsidenten ist, war auf Einladung seines deutschen Amtskollegen Scholz (SPD) nach Berlin gekommen.

(Foto: AFP)
  • Der türkische Finanzminister Albayrak wird am Abend zusammen mit den Bundesministern für Finanzen und Wirtschaft besprechen, wie er die Türkei wirtschaftlich wieder stabilisieren will.
  • Die deutsch-türkische Stimmung ist nach wie vor angespannt. Präsident Erdoğan hat das Land in eine tiefe wirtschaftliche Krise geführt.
  • Bundeswirtschaftsminister Altmaier kündigte an, die wirtschaftlichen Kontakte beider Länder wieder enger gestalten zu wollen.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

So viel deutsch-türkische Freundschaft war selten in den letzten Monaten. Am Freitagabend steht der türkische Finanzminister Berat Albayrak im Berliner Bundesfinanzministerium und bedankt sich bei den "wertvollen Freunden" in Deutschland für den freundlichen Empfang. Zuvor hatte Hausherr Olaf Scholz (SPD) die gerade beendeten Gespräche als "sehr gut" gelobt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) betont, man habe "die gesamte Bandbreite der Themen erörtert und nichts ausgespart". Getrieben vom Wunsch, Widerstände zu überwinden.

Da gibt es einiges zu tun. Die deutsch-türkische Stimmung ist angespannt, insbesondere, weil Erdoğan nach dem Putschversuch vor zwei Jahren hart gegen Kritiker vorgegangen ist. Mit seiner Politik hat er das Land auch in eine tiefe wirtschaftliche Krise geführt, die durch die von US-Präsident Donald Trump verhängten Sanktionen weiter verschärft worden ist. Die Türkei leidet unter einer zweistelligen Inflationsrate und einem massiven Wertverfall ihrer Währung. Unternehmen können Kredite nicht mehr bedienen, müssen schließen. Banken bleiben auf faulen Krediten sitzen. Das Land braucht Hilfe, um den wirtschaftlichen Niedergang zu stoppen.

Und genau darum ging es bei dem Treffen zwischen Albayrak, Scholz, Altmaier und den türkischen Ministern für Handel und Energie. Albayrak kam auch als Vorhut für seinen Schwiegervater. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan wird kommende Woche von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) empfangen werden. Gleich zwei Termine sind anberaumt. Albayrak ist in Berlin, um alles vorzubereiten. Direkte Finanzhilfen, so viel ist am Freitag klar, wird es aus Deutschland nicht geben. Altmaier sagt, danach habe der türkische Gast auch gar nicht gefragt. Wonach dann? "Wir werden in einem intensiven Prozess die wirtschaftlichen Beziehungen ausbauen", antwortet der Bundeswirtschaftsminister. Man habe schließlich gemeinsame geopolitische Interessen. Ende Oktober wird Altmaier nach Ankara reisen, mit einer Wirtschaftsdelegation im Schlepptau. Albayrak sagt, man habe "einen neuen Stein mit diesem Besuch gesetzt". Deutschland hebt er hervor als wichtigen Handelspartner der Türkei. Man habe in der Regierungszeit seines Schwiegervaters die Geschäfte von 13 auf 38 Milliarden Euro gesteigert. In der Türkei sind 7000 deutsche Firmen tätig. Ob konkrete Projekte geplant sind, erwähnen die Minister nicht. Scholz sagt, man werde "die Formen der Zusammenarbeit, die wir gefunden haben", ausbauen. Über die Zollunion mit der Türkei sei nicht gesprochen worden, sagt Altmaier. Das könne ohnehin nur europäisch entschieden werden. Die deutsch-türkische Zusammenarbeit dürfte vor allem bei Energie, Handel und Finanzen ausgebaut werden. Die Türkei ist über die staatliche Kreditbank KfW, aber auch über europäische Investitions- und Kreditbanken wie EIB und EBRD mit den Europäern geschäftlich verflochten. Vorab hatte aus Regierungskreisen verlautet, die türkische Seite müsse unbedingt dafür sensibilisiert werden, dass sie für ein investitionsfreundliches Klima sorgen müsse. Ausländische Investoren und Staatsbürger sollten sich in der Türkei sicher fühlen, dürften nicht mehr verfolgt werden. Gelinge das nicht, würden Unternehmen dem Land fern bleiben. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte zuvor auf die türkische Eigenverantwortung verwiesen. "Wir haben ein großes Interesse an einer stabilen Türkei, auch wirtschaftlich", sagte Maas. Auch die deutsche Wirtschaft will wieder enger mit der Türkei zusammenarbeiten. Erdoğan wird kommende Woche unter anderem mit Dieter Kempf, dem Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, sprechen sowie ein Wirtschaftsforum besuchen.

© SZ vom 22.09.2018/fie
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