Muslimische Bewegung:"Sich nicht als religiös zu präsentieren, ist das Erfolgsgeheimnis"

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Hizmet ist eine muslimische Bewegung, und genau da setzen die Kritiker an, Friedmann Eißler zum Beispiel, Pfarrer und Islam-Spezialist der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Er kritisiert nicht, dass Hizmet einen sunnitischen, aus seiner Sicht streng konservativen Islam propagiere, das sei ihr gutes Recht. Was ihn stört, sei die "Diskrepanz", die er zwischen der Außendarstellung und dem, was tatsächlich im Gülen-Netzwerk passiere, wahrnehme: "Es steht nicht drauf, was drin ist." Manches habe sich in den letzten Jahren zwar verbessert, inzwischen gäben die meisten Einrichtungen offen zu erkennen, dass sie Teil von Hizmet sind. Eißler aber mahnt mehr inhaltliche Transparenz an: Noch immer werde nicht offen kommuniziert, welche Ziele Hizmet verfolge.

Kristina Dohrn, Ethnologin an der Freien Universität Berlin, forscht seit gut zehn Jahren zu Hizmet und erklärt die Vorbehalte so: "In Deutschland herrscht eine islamfeindliche Stimmung. Alles, was Türken in Deutschland machen, wird erst einmal kritisch beäugt." Die Gülen-Bewegung habe sich in Deutschland auf Ebenen etabliert, die ein explizit islamischer Akteur nie erreicht hätte. "Sich nicht als religiös zu präsentieren, ist das Erfolgsgeheimnis der Bewegung in Deutschland", sagt Dohrn. Hizmet wolle ganz klar den Islam stärker etablieren in Deutschland. "Aber eben nicht für alle. Es geht nicht ums Missionieren."

Verfolgt die Bewegung eine versteckte Agenda? Propagiert sie unter dem Deckmantel eines "sanften Islam" in Wirklichkeit eine sehr konservative Religion? "Man kommt der Bewegung nicht über die Theologie näher", sagt Dohrn. Der Islam, den die Gülen-Leute lebten, sei "Mainstream-Islam", mit dem gängigen Bild einer Sekte sei die Bewegung nicht zu vergleichen. Nie habe sie beobachtet, dass Menschen, die Hizmet in Deutschland den Rücken kehrten, bedroht würden. Und sie ist sicher, dass in Schulen und Kindergärten, deren Führungspersonal Hizmet angehört, Kinder nicht zum Islam bekehrt würden. Es gebe "verschiedene Kreise" innerhalb der Bewegung. "Einen engeren Kreis, der sich stark engagiert. Andere wiederum finden einfach gut, was Gülen predigt oder spenden ab und zu mal was."

Strenggläubige und liberale Muslime finden in der Bewegung eine Heimat. In den Dialog-Zentren arbeiten Aleviten neben Kurden, Kopftuch tragende Frauen haben deutsche Kolleginnen. Aus dieser Vielfalt, so sieht es Ercan Karakoyun, der Chef der Stiftung Dialog und Bildung, werde ihnen nun ein Strick gedreht: "Jeder passt hier rein, das macht uns zum perfekten Sündenbock." Über der Bewegung liege ein Nebelschleier. "Aber nicht, weil wir etwas verbergen wollen, sondern weil wir durch unsere Vielfalt schwer zu definieren sind."

Verdächtigungen von türkischen Freunden: "Das schmerzt"

Die Krisensitzung von Idizem in München zieht sich. Von den fünf muslimischen Frauen tragen vier ein Kopftuch, eine von ihnen beschreibt den "psychischen Druck", den sie spüre, sie leide unter Schlafstörungen. Dass sogar türkische Freunde sie verdächtigen, mit den Putschisten zu sympathisieren, mache sie fassungslos. "Das schmerzt." Die Frau ohne Kopftuch erzählt, dass sie in einer Hizmet-WG wohne. Vor Kurzem sei der Vater einer Mitbewohnerin in die Wohnung gekommen, entsetzt angesichts der Putsch-Vorwürfe, und habe seine Tochter nach Hause geholt. Bloß nichts zu tun haben mit Hizmet!

Einige in der Runde fühlen sich diffamiert, ja, verfolgt, und das mitten in Deutschland. "Da muss was dagegen getan werden, Himmel noch mal!", ruft ein Mann, ein Deutscher, und regt an, den Hizmet-Leuten eine katholische Kirche zum Beten zu öffnen. "Was sollen wir tun?", fragt sein Gegenüber, ein anderer schließt zum x-ten Mal ein Fenster. Der Vorsitzende des Idizem-Beirats, ein bayerischer Geschichts-Professor, will sich aktiv an die Öffentlichkeit wenden, mit einer Pressemitteilung, vielleicht auch mit einer Pressekonferenz. Wie man so was mache, fragt einer. So gut sie im Netzwerken sind bei Hizmet, so unerfahren wirken sie, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht. Auf oder zu?

Zweieinhalb Stunden sind vergangen, es scheint alles gesagt zu sein, da meldet sich eine junge Frau mit blauem Kopftuch zu Wort. Dieser Abend habe ihr sehr gutgetan, weil sie auch mit Deutschen habe reden können. "Es spendet Trost, dass Sie unsere Freunde sind."

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