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Deutsch-russische Vorurteile:"Die Rüpel kommen"

Beständige Klischees: Russen sind trinkfest, großzügig und leiden unter ihren Machthabern. Eine Ausstellung zeigt den Ursprung der oft noch gültigen Vorurteile - und was die Russen über uns denken.

Eine Karikatur aus einer deutschen Tageszeitung im Jahr 2007. Die Ehefrau fragt ihren Gatten, der am Frühstückstisch die Russki Business News studiert: "Dmitrij, Bärchen, was wünscht du dir zum Geburtstag?" Hinter der Zeitung grummelt der Millionär: "Den VfB Stuttgart."

"Ausgefeiert": Das Titelbild des Magazins "Wlast" nimmt die russischen Deutschlandklischees zum Ende der Fußball-WM 2006 auf die Schippe.

(Foto: Foto: Katalog)

In der Zeichnung finden sich mehrere Stereotypen der Deutschen über die Russen: Der russische Bär, der unfassbare Reichtum der Oligarchen (und deren Engagement bei Fußballklubs wie dem FC Chelsea), die enorme soziale Ungleichheit und klare Geschlechterrollen. Es fehlen nur der Wodka und der weite Raum Sibiriens.

Die Karikatur ist in der Berliner Ausstellung "Unsere Russen, unsere Deutschen" zu sehen, die versucht, die Hintergründe der jeweiligen Klischees zu beleuchten. Neben Gemälden und Zeichnungen werden Alltagsgegenstände wie Zeitschriftentitel und natürlich auch Propagandaplakate und Cartoons präsentiert.

Durch die Jahrzehnte ziehen sich verschiedene Vorurteile: Russen schätzen Deutschland als Land der Moderne und des technischen Fortschritts, blicken anerkennend und fast neidisch auf den Arbeitseifer und Fleiß der Menschen. Zugleich gelten die Deutschen seit dem 19. Jahrhundert als geizig und selbstgefällig.

Den Deutschen fallen zu den Russen vor allem Attribute wie trinkfest, gesellig, tapfer und großzügig ein. Anders wurden jedoch stets die Machthaber gesehen. Schon im 19. Jahrhundert galt das Zarenreich als Bewahrer der reaktionären Ordnung und Verbündeter der eigenen Herrscher, um den Deutschen die ersehnten freiheitlichen Rechte zu verweigern. Reiseberichte aus dieser Zeit heben die schweren Lebensumstände der russischen Bauern hervor und sprechen von "einer despotischen Herrschaft über ein barbarisches Land".

Peter Jahn, Koordinator der Ausstellung, sieht in Vorurteilen an sich nichts Schlechtes: "In diesen Bildern findet sich auch ein Stück Realität und deren Vereinfachung ist für unsere Orientierung unerlässlich." Ohne solche Reduktionen stünden die Menschen der Fülle aller möglichen Informationen hilflos gegenüber.

Jahn hat jedoch festgestellt, dass die alten Bedrohungsbilder seit einiger Zeit in den deutschen Medien und der Politik wieder Konjunktur haben und nur wegen der hohen Popularität von Michail Gorbatschow zeitweise in den Hintergrund traten.

Rückgriff auf alte Bilder

Heute würden die undemokratischen Elemente der Putin-Regierung wieder mit den alten Bildern der Despotie beschrieben und illustriert - ein Titelbild des Nachrichtenmagazins Der Spiegel über Putin und Gazprom zitiert ein CDU-Wahlplakat aus dem Jahr 1953, das einem am Horizont lauernden Rotarmisten zeigt.

Jahn, der bis zu seiner Pensionierung das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst geleitet hat, klagt, dass diese Bilder auf eine "wenig reflektierte Weise" verwendet und der russischen Realität nicht mehr gerecht werden.

In Westeuropa habe man noch nicht realisiert, dass erst in der Amtszeit von Wladimir Putin die Staatlichkeit Russlands wiederhergestellt und den unter Jelzin herrschenden Zerfallsprozess aufgehalten habe. "Es ist auch für uns in Europa gut, wenn es in Russland mehr Stabilität gibt", sagt Jahn. Die Einschränkung der Pressefreiheit, der fehlende Pluralismus und die gelenkte Demokratie müssten natürlich offen kritisiert werden, doch Jahn vermisst eine bessere Einordnung.

"Seit Jahren berichten fast alle deutschen Medien vom Ende der Pressefreiheit in Russland, doch das gilt nur für das Fernsehen. Auf dem Buchmarkt kann ebenso wie im Internet nahezu alles veröffentlicht werden und einige Zeitungen wie Komersant drucken täglich kritische Analysen", sagt Jahn.

Auch die Darstellung, der Staatskonzern Gazprom greife in imperialistischer Manier nach westlichen Energieunternehmen, sei überzogen - die russische Wirtschaft sei stark auf enge Beziehungen mit der Europäischen Union angewiesen.

Jahns Vorwurf: Die deutsche Öffentlichkeit macht es sich zu einfach und greift zu häufig auf alte Muster zurück. Eines habe die Arbeit an der Ausstellung, die im Frühjahr auch in Moskau zu sehen sein wird, gezeigt: "Kein Klischee ist unveränderlich."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Deutschen seit dem 19. Jahrhundert an Russland schätzen.

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