Deutsch-russische Diskussion über Ukraine-Krise:Beim Barte der Conchita

Lesezeit: 5 min

Wladimir Jakunin beim Deutsch-Russischen Forum

Putin-Vertrauter im Dialog: Wladimir Jakunin beim Deutsch-Russischen Forum in Berlin

(Foto: dpa)

Er gilt als Feind der USA und als einer der mächtigsten Männer in Russland. Der Putin-Vertraute Wladimir Jakunin streitet in Berlin mit dem SPD-Mann Matthias Platzeck über die Ukraine, einen "vulgären Ethnofaschismus" und den Bart von Conchita Wurst.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Wladimir Jakunin hebt die rechte Hand, streckt den Zeigefinger aus und tippt sich mit der Spitze des Fingers an die Schläfe. Es ist das international anerkannte Zeichen für "Vogel zeigen". Jakunin ist einer der mächtigsten Männer Russlands, Chef der staatlichen Eisenbahngesellschaft, seit bald 20 Jahren enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sein Name steht seit Kurzem auf der US-amerikanischen Sanktionsliste.

Jetzt sitzt er auf einem Podium in Berlin, in einem Hotel mitten in der Bundeshauptstadt. Eingeladen haben das Deutsch-Russische Forum und das World Public Forum "Dialogue of Civilisations", dessen Präsident Jakunin ist.

Der österreichische Europakenner Walter Schwimmer hat Jakunin gerade darauf aufmerksam gemacht, dass Conchita Wurst, Gewinnerin des Eurovision Song Contest, auch aus Russland fünf Punkte bekommen hat.

Jakunin gefällt das nicht. Der Vogel ist sein Kommentar dazu. In Russland gebe es offenbar Menschen "mit abnormaler Psychologie", erklärt er später.

"Es gibt eine 'antirussische Hysterie'"

Die Ukraine befindet sich am Rande eines Bürgerkrieges. Die Beziehungen Russlands mit der Welt sind auf einem Tiefpunkt. Und Jakunin spricht über die "bärtige Frau" aus Österreich.

Es werde schon gerufen "Männer rasiert euch, seid keine Weiber", empört sich Jakunin. Wer dieser Frau nicht applaudiere, werde im Westen als "Undemokrat" bezeichnet. Er kommt umgehend auf das umstrittene Gesetz zu sprechen, das in Russland öffentliche Propaganda für Homosexualität verbietet. Kinder zwischen 14 und 16 Jahren seien sexuell noch nicht orientiert, sagt Jakunin, der Eisenbahnboss. Das sei medizinisch erwiesen. Diese Kinder würden von dem Gesetz geschützt. Einige im Saal schütteln den Kopf.

Im Westen gibt es viel Kritik an dem Gesetz. Jakunin findet, da stecke mehr dahinter. "Ein vulgärer Ethnofaschismus ist wieder Bestandteil unseres Lebens geworden", sagt er. Es gebe geradezu eine "antirussische Hysterie". Die antike Definition von Demokratie habe "nichts mit bärtigen Frauen zu tun, sondern damit, dass Demokratie die Herrschaft des Volkes ist".

Nach dem Treffen scheinen die Gräben tiefer als zuvor

Rechts neben Jakunin sinkt Matthias Platzeck etwas tiefer in seinen Stuhl. Der SPD-Politiker und frühere Ministerpräsident von Brandenburg ist seit Kurzem Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. Diese Veranstaltung soll dazu dienen, das gegenseitige Verständnis zu mehren. Das Forum ist Russland gegenüber naturgemäß wohlwollend eingestellt. Nach dem Treffen aber scheinen die Gräben tiefer als zuvor zu sein. Vielleicht ahnt Platzeck in diesem Augenblick, dass es mit der angeblichen Wertegemeinschaft zwischen Russland und Europa an manchen Stellen doch nicht so weit her ist.

Ein "bisserl sauer" sei er, sagt Platzeck. Es gehöre zu den "Urrechten eines Menschen", dass er leben könne, wie und mit wem er will. Das neue russische Gesetz verbiete Homosexualität nicht, schaffe aber eine Grundstimmung der Angst. "Bei aller Zuneigung zu Russland, das nagt an den Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens."

Platzeck bemüht sich redlich, nicht zu scharf zu klingen. Er will den russischen Gast nicht verschrecken. Er will auch gar nicht allzu lange darüber streiten, wer nun die Hauptschuld an der Ukraine-Krise trägt. Platzeck rät dazu, jetzt erst einmal "einen Cut zu machen". Die Aufarbeitung der Schuldfrage könne später erfolgen.

Eines nimmt er aber aus. Bevor ein runder Tisch in der Ukraine Erfolg haben könne, wie er jetzt in der Diskussion ist, müsse geklärt werden, wer für die Toten vom Maidan, in Odessa und in der Ostukraine verantwortlich sei, betont Platzeck. Ohne diese Aufklärung könnten die Wunden nicht heilen. Erst dann sei es möglich, "dass wir uns neu vereinbaren". Es müsse Grundregeln geben, "die wir einzuhalten haben. Alle, auf allen Ebenen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB