Der Widerstand in der Wehrmacht:Die braune Pest

Maurice Philip Remy dokumentiert den Widerstand der Wehrmacht gegen Hitler.

Von Marcus Jauer

Als der Reichspräsident Paul von Hindenburg am Morgen des 2. August 1934 stirbt, vergeht nur eine halbe Stunde, bis die ersten Soldaten der Reichswehr neu vereidigt werden. Sie schwören nicht mehr auf "Volk und Vaterland", sondern auf Adolf Hitler, "Führer des Deutschen Reiches und Volkes". Ihm sollen sie jetzt "unbedingten Gehorsam leisten".

Im Grunde beginnt die Dokumentation, die Maurice Philip Remy über die Offiziere gegen Hitler gedreht hat, an diesem Tag, am Tag des Eides. Und sie handelt davon, wie einige Männer sich über Jahre aus diesem Eid zu befreien suchten, wie schwer es ihnen fiel, und wie sie am Ende doch ihr Leben einsetzen, nicht für Hitler, wie sie es geschworen hatten, sondern dafür, ihn umzubringen.

Maurice Philip Remy erzählt die Geschichte jener Männer als Geschichte ihrer Klasse. Junge, preußische Adlige zumeist, militärisch geschult, aber nicht politisch. Sie lehnten die Weimarer Republik ab, Demokratie, der Kompromiss als Lösung, schien ihnen Verrat an einer Sache, sagt der Historiker Joachim Fest, Fachberater der Dokumentation.

Die Aufrüstung der Reichswehr ermöglicht ihnen nun eine Karriere. Bald üben sie mit echten Panzern, nicht mehr mit denen aus Pappe, die der Versailler Vertrag vorschrieb. Dass Juden nicht mehr Soldaten sein dürfen, dass Kommunisten und Sozialdemokraten verfolgt und verhaftet werden, dass Unrecht zum Straßenbild gehört, das stört sie nicht.

Erst als Hitler 1938 den Oberbefehlshaber des Heeres, Freiherr von Fritsch, absetzt - angeblich weil er homosexuell ist, in Wahrheit aber, weil er die Kriegspläne nicht unterstützt -, erst als es also gegen einen der ihren geht, regt sich der Widerstand der Militärs. Hans Oster, Anfang der dreißiger Jahre schon aus der Reichswehr entlassen (wegen einer Affäre mit einer verheirateten Frau) und nun Offizier bei der Abwehr, bildet seine früheste Zelle.

Er will den Krieg verhindern und plant einen Staatsstreich, Hitler soll für verrückt erklärt und eingesperrt werden. Der Stoßtrupp steht, da beginnt in München die Konferenz, auf der Hitler das Sudetenland auch ohne Krieg bekommt. Der Staatsstreich fällt aus. Später verrät Oster an die Alliierten sogar die deutschen Pläne zum Angriff auf Frankreich. Aber man glaubt ihm nicht.

Das ist eine Qualität der Dokumentation, dass sie dieses Ringen mit sich selbst zu zeigen vermag. Dieses Schwanken zwischen Faszination und Abscheu, zwischen Erkennen und Leugnen, Entscheiden und Zaudern. Soll man wirklich als Verräter in die Geschichte eingehen?

Henning von Tresckow schreibt noch nach dem Sieg über Frankreich, all sein Kleinmut sei verflogen, "angesichts unserer Erfolge". Und Claus Schenk Graf von Stauffenberg glaubt noch Ende 1941, der Krieg müsse zuerst gewonnen werden. "Dann kriegen wir die braune Pest weg."

Es sind offenbar erst die Massenmorde im Rücken der Ostfront, die die Offiziere endgültig zu Feinden Hitlers werden lassen. Nun können sie nicht einmal mehr wollen, dass der Krieg gewonnen wird. "Was Du auch überlegst", sagt Stauffenberg zu einem Freund, "Du kommst bei Hitler an".

Tresckow wird zu einem der Köpfe des Widerstandes, plant Attentate auf Hitler, die schicksalhaft misslingen und ersinnt gemeinsam mit anderen schließlich die Operation "Walküre", mit der am 20. Juli 1944 Hitler Macht und Leben entrissen werden sollen. Doch der Führer überlebt, und so ist der Kampf um die Macht verloren, ehe er beginnt.

Der Historiker Joachim Fest sagt, die Verschwörer seien sich bewusst gewesen, dass die Mehrheit des Volkes nicht hinter ihnen stand. Hätten sie die Macht errungen, wäre es zur Übergangsdiktatur gekommen. Da sie sie nicht errangen, blieb ihnen nur das Fanal. Es war, wie von Tresckow zuvor gesagt hatte: Es komme nicht mehr allein auf das Gelingen an, "sondern darauf, dass die Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat".

Heute, sechzig Jahre später, darüber einen Film zu drehen, heißt auch, die letzte Chance zu nutzen, bevor Drehbuchautoren den Dokumentaristen die Geschichte völlig aus den Händen nehmen, weil keiner mehr lebt, der dabei war. So passiert es, dass Stauffenberg für Millionen Zuschauer aussieht wie der Schauspieler Sebastian Koch und später für Millionen aussehen wird wie Albert Speer, Hitlers Chefarchitekt, den Koch auch spielt.

Maurice Philip Remy hat auf nachgestellte Szenen verzichtet. Er hat zwar bei Meister Knopp in der ZDF-Geschichtswerkstatt gelernt, aber er benutzt andere Werkzeuge. Er braucht keine dramatische Musik, keinen Massenjubel für den Führer, er erzählt genauer und lässt seine Zeitzeugen ausreden.

Wenn einer von ihnen heute nicht mehr lebt, aber in einem früheren Interview etwas Wichtiges gesagt hat, scheut er sich nicht, Ausschnitte zu verwenden. Dafür, dass es die letzte Chance war, hat Remy eine überzeugende Dokumentation vorgelegt. Eine, wie sie anderen Gruppen des Widerstands auch gebührt hätte. Kommunisten, Sozialdemokraten und Christen, die früh schon gegen Hitler vorgingen, kein Eid sie an ihn band.

© SZ vom 13. Juli 2004
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB