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Der Vatikan und der Holocaust-Leugner:Papst überging zuständigen Kardinal

Darf ein Holocaust-Leugner zur Wahrung der Kircheneinheit rehabilitiert werden? Die Entscheidung Benedikts XVI. sorgt für immer mehr Unmut - gerade bei Katholiken.

Mit seiner Entscheidung, den Holocaust-Leugner Richard Williamson, den britischen Bischof der Piusbruderschaft, wieder in die katholische Kirche aufzunehmen, hat Papst Benedikt XVI. für ungewöhnlichen Aufruhr in den eigenen Reihen gesorgt.

Papst Benedikt, dpa

Papst Benedikt hat eine folgenreiche Entscheidung getroffen.

(Foto: Foto: dpa)

Benedikt XVI. hatte die Exkommunikation der vier Männer am Samstag nach mehr als zwei Jahrzehnten aufgehoben - mit dem Ziel eine Spaltung zu überwinden. Erst tags zuvor war bekanntgeworden, dass die Staatsanwaltschaft Regensburg gegen Bischof Williamson ermittelt.

Er hatte in einem im Landkreis Regensburg aufgezeichneten Fernsehinterview behauptet, die historische Evidenz spreche gegen die Existenz von Gaskammern. Auch seien nicht sechs Millionen Juden, sondern 200.000 bis 300.000 Juden von den Nazis ermordet worden, davon keiner in einer Gaskammer.

Solche "dummen" Äußerungen seien unannehmbar, sagte Kurienkardinal Walter Kasper in der Zeitung La Repubblica. "Den Holocaust zu leugnen ist absolut nicht die Position der katholischen Kirche", erklärte Kasper. Er ist zugleich Präsident des Päpstlichen Einheitsrates und offiziell verantwortlich für die Beziehungen des Vatikans zu Juden und nichtkatholischen Christen.

In der Repubblica versuchte er jedoch die Entscheidung des Papstes zu erläutern. Die Wiederaufnahme der Lefebvristen sei nicht mit Williamsons persönlichen Einstellungen verbunden.

"Diese beiden Dinge dürfen nicht durcheinandergebracht werden", so Kasper - er sei überzeugt, dass der Dialog weitergehen werde. Kaspers Äußerungen deuteten jedoch einen Alleingang des Papstes an: Kasper räumte ein, in die Entscheidung nicht einbezogen worden zu sein - Benedikt hat den zuständigen Kardinal also übergangen.

An der katholischen Basis rief die Entscheidung des Papstes Kritik aus. Der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) in einem Schreiben bestürzt über das Dekret zur Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Vereinigung: "Wir sind entsetzt, dass Sie unter den vier Bischöfen auch einen erklärten Holocaust-Leugner, Bischof Richard Williamson aus Großbritannien, gegen den Zivilprozesse angestrengt wurden, rehabilitiert haben."

Christlich-jüdischer Dialog "schwer belastet"

Die Anhänger der Piusbruderschaft und die vier Bischöfe lehnten weiter Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils ab, hieß es. Darunter seien auch die Erklärung "Nostra aetate" mit den "wichtigen Entscheidungen" zu einem erneuerten Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden.

Nach dem Streit um die Karfreitagsfürbitte für die "Erleuchtung" der Juden und die geplante Seligsprechung von Papst Pius XII. sei der christlich-jüdische Dialog nun "erneut schwer belastet und beschädigt", hieß es weiter.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) reagierte mit "Entsetzen und Empörung" auf die Entscheidung des Papstes. Die Äußerungen Williamsons seien eine skandalöse Verleugnung der Verbrechen an den Juden, sagte ZdK-Präsident Meyer in Bonn. Menschen wie er seien "eine schwere Belastung für die Kirche".

Vatikan bemüht sich um Schadensbegrenzung

Auch französische Bischöfe erklärten, Williamsons Äußerungen seien eine schwere Belastung für den christlich-jüdischen Dialog, sagte der für die Beziehungen zum Judentum zuständige Bischof Maurice Gardes der Zeitung La Croix. Man könne "nicht Christ sein und gleichzeitig die Vernichtung von sechs Millionen Juden leugnen", fügte er demnach hinzu.

Bereits am Montag war viel Kritik laut geworden. So nannte der Vorsitzende der katholischen Bischöfe in Bayern, Reinhard Marx, die Äußerungen Williamsons "unsäglich, inakzeptabel und auf das Schärfste zu verurteilen".

Auch die Deutsche Bischofskonferenz distanzierte sich. Die Leugnung des Holocaust sei inakzeptabel, sagte der Sprecher Matthias Kopp im ZDF: "Williamson wird früher oder später seine Äußerungen zurückziehen müssen", sagte Kopp. Die Kirche habe Mechanismen, auf ihn einzuwirken.

Der Vatikan versuchte indes offenbar den Schaden zu begrenzen, indem er sich ebenfalls ausdrücklich von den Äußerungen Williamsons distanzierte. Die Leugnung des Holocaust sei "inakzeptabel" und widerspreche der Lehre der katholischen Kirche, hieß es am Montag in einem Artikel auf der Titelseite der Vatikanzeitung L'Osservatore Romano. Zugleich bekräftigte das Blatt, dass Papst Benedikt XVI. jede Form des Antisemitismus verurteile, und dies müssten auch alle Katholiken tun.

Der Mailänder Religionswissenschaftler Vito Mancuso erklärte in der Repubblica, der Papst habe sich offenbar dafür entschieden, die Interessen der Kirche "als höheres Gut zu betrachten als das Angedenken an sechs Millionen Tote". Das sei typisch für Machtmenschen, die bereit seien, zum Wohl ihrer eigenen Seite "auf der Wahrheit herumzutrampeln".