bedeckt München
vgwortpixel

Der phänotypische Nazi: Horst Wessel:Im Visier der Kommunisten

Als SA-Mann fiel Horst Wessel, der in Berlin ein Jura-Studium begonnen hatte, das er aber rasch völlig vernachlässigte und schließlich abbrach, weniger durch Gewaltbereitschaft als vielmehr durch eine rastlose agitatorische Tätigkeit auf, mit der er seinem Vorbild, dem Berliner NSDAP-Gauleiter Goebbels nacheiferte. Allein im Jahr 1929 soll er, wie Siemens schreibt, als Redner auf 56 Versammlungen gesprochen haben. Dies wie sein spektakulärer Einfall, eine eigene Schalmeien-Kapelle aufzustellen, die bei SA-Umzügen aufspielte und die das bisherige Monopol der kommunistischen Kampfverbände, die dieses leicht zu spielende Instrument bei ihren Demonstrationen anstimmten, außer Kraft setzte, ließ ihn in der SA rasch Karriere machen.

Am 1. Mai 1929 erhielt er die Führung des kleinen SA-Trupps 34 im Berliner Arbeiterbezirk Friedrichshain, der wegen Wessels großer Rekrutierungserfolge schon wenig später in "SA-Sturm 5" umbenannt wurde.

Das Recht auf den Pfarrersohn

Die SA-Schalmeien wie vor allem seine Rolle als Chef der SA im Bezirk Friedrichshain, die Wessel mit einigem agitatorischen Erfolg spielte, brachten ihn zunehmend ins Visier der Kommunisten. Friedrichshain war eine der "roten Hochburgen" im damaligen Berlin, die es gegen die "braunen Bataillone" Hitlers zu verteidigen galt, die seit 1929 verstärkt dazu übergingen, Stützpunkte im proletarischen Feindesland zu erobern. Dabei handelte es sich um kommunistische Stammkneipen, die von der SA erobert und zu "Sturmlokalen", sprich zu Versammlungsorten von SA-Leuten und Sympathisanten umfunktioniert wurden.

Diese teilweise mit großer Brutalität von beiden Seiten ausgefochtenen Kämpfe um die Kneipen des "Kiez" erklärt sich daraus, dass diese angesichts der rapide anschwellenden Arbeitslosigkeit und der damit verknüpften sozialen Verelendung der Arbeiterschaft einen Ersatz für Geborgenheit darstellten. Allein deshalb war es so eminent wichtig, wer hier das Sagen hatte und damit das ideologisch-politische Milieu bestimmte. Bei diesen Auseinandersetzungen scheint sich Horst Wessel hervorgetan zu haben. Diese Behauptung lieferte jedenfalls das Fundament des Mythos, den Goebbels nach der Ermordung Wessels sofort und mit großem Geschick in die Welt setzte.

Für dessen große propagandistische Wirkung liefert bereits die Urteilsbegründung im ersten Wessel-Prozess vom September 1930 einen Hinweis, denn sie bescheinigte allen Verurteilten, aus politischer Überzeugung gehandelt zu haben. Diese Bewertung wurde einerseits durch die politische Tätigkeit des Opfers wie andererseits dadurch nahegelegt, dass nicht nur der Haupttäter, der Zuhälter Ali Höhler, lose Verbindungen mit der KPD unterhielt. Keine Berücksichtigung hingegen fanden mögliche andere Tatmotive, die angesichts des Vorlebens von Wessels "Verlobter" Erna Jänichen nicht weniger plausibel waren und die auf Rivalitäten im Zuhältermilieu hindeuteten.

Kultische Verehrung durch die protestantische Kirche

Das ganze Potential des Horst-Wessel-Mythos konnte sich aber erst nach Hitlers "Machtergreifung" Ende Januar 1933 entfalten. Besonders anfällig dafür war, wie Daniel Siemens an zahlreichen Belegen zeigt, die protestantische Kirche, in deren Kreisen dem toten Horst Wessel eine geradezu kultische Heiligenverehrung gespendet wurde. Im Oktober 1937, an Wessels 30. Geburtstag, wurde etwa in Bremen-Sebaldsbrück der Grundstein für eine evangelische "Horst-Wessel-Kirche" gelegt.

Der Bremer Landesbischof der Deutschen Christen rechtfertigte diese seltsame Namensgebung damit, die Kirche habe Anspruch darauf, den Pfarrersohn "Horst Wessel als den ihrigen zu bezeichnen". Diese Vereinnahmung des Nazi-Heiligen mochte Hitler indes nicht dulden, der es mit einem Führererlass untersagte, "dass kirchliche Gebäude nach Kämpfern und Helden der nationalsozialistischen Bewegung benannt werden".

Dieses Beispiel, das nur eines von vielen ist, zeigt nicht zuletzt, wie mentalitätsgeschichtlich ertragreich die Auseinandersetzung mit einer exemplarischen Randfigur des Nationalsozialismus sein kann. Allein dieser Nachweis lohnt die Lektüre dieses Buchs.

Daniel Siemans: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler Verlag, München 2009, 351 Seiten, 19,95 Euro.