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Der Papst in den USA:Ein Bogen um Boston

An diesem Dienstag kommt der Papst in den USA an. Warum Benedikt XVI. ein kleineres Besuchsprogramm hat als einst sein Vorgänger Johannes Paul II.

Eine einfache Hirtenreise erwartet Benedikt XVI. sicher nicht, wenn sein Flugzeug an diesem Dienstagnachmittag auf der Andrews Airforce Base im Osten Washingtons landen wird. Dazu ist seine Herde in den Vereinigten Staaten zu sehr im Wandel. Es gibt kein Industrieland, in dem Religion im Leben der Menschen eine so große Rolle spielt wie in den USA.

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Reist in das drittgrößte katholische Land der Welt: Papst Benedikt XVI.

(Foto: Foto: dpa)

Amerika ist ein Land der Gläubigen. Das spiegelt auch die katholische Kirche wider: Im Vergleich zu vielen Ländern Europas sind die Kirchen oft voll und die Gemeinden sehr lebendig. Doch zugleich sind Amerikas Katholiken nach Jahren kirchlicher Skandale und mangelnder seelsorgerischer Betreuung zum Teil deprimiert, zum Teil hartnäckig anderer Auffassung, als es die kirchliche Lehrmeinung zulässt.

23 Prozent aller Amerikaner sind Katholiken. Sie sind damit noch immer die größte Konfession in den Vereinigten Staaten. Und mit mehr als 64 Millionen Kirchenmitgliedern sind die USA überhaupt das drittgrößte katholische Land der Welt. Aber es ist eine Kirche, die zusehends ihr Gesicht verändert: Fast ein Drittel ihrer Mitglieder sind Latinos, Tendenz steigend. Der Schwerpunkt der Kirche wandert nach Westen. In Kalifornien leben deutlich mehr Katholiken als in New York, in Texas mehr als in Massachusetts.

Jeder zehnte getaufte Katholik aber hat inzwischen die Kirche wieder verlassen. Amerikas katholische Kirche verliert Mitglieder wie keine andere Konfession. Seit 1995 wurden mehr als 800 Gemeinden aufgelöst. Von den heute noch mehr als 18.600 Gemeinden müssen gut 3200 ohne eigenen Pfarrer auskommen. Denn auch in den USA herrscht Priestermangel.

35.000 Laienpriester halten viele der Gemeinden am Leben - eine Entwicklung, die dem orthodoxen Theologen Benedikt nicht gefallen kann.Überhaupt scheren sich Amerikas Katholiken nicht wirklich um die Lehren aus dem Vatikan. Jeweils mehr als 60 Prozent der Katholiken befürworten das Recht auf Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe. Damit sind sie liberaler als der Rest des Landes.

Es ist kein Zufall, dass Benedikt auf seiner immerhin sechstägigen USA-Visite nur zwei Städte besucht. Zum einen ist dieser Papst offensichtlich nicht so gern unterwegs wie sein Vorgänger Johannes Paul II., der während seiner ersten Amerika-Reise 1979 sieben Städte in sieben Tagen besuchte und 77 Reden hielt. Benedikt beschränkt sich auf Washington und New York und wahrscheinlich elf Redeauftritte.

Zum anderen hätte eine Ausweitung der Besuchsziele zumindest an der Ostküste Probleme gebracht. Ganz oben auf der Liste hätte natürlich die Erzdiözese von Boston gestanden, mit 1,8 Millionen Katholiken noch immer eine der größten des Landes.

Der Papst hat abgelehnt wegen des Skandals um den Missbrauch von Kindern durch Priester der Kirche, einer Affäre von schier unglaublichen Dimensionen, die 2002 in Boston ihren Ausgang nahm und deshalb mit dieser Erzdiözese in Verbindung gebracht wird. Benedikt wollte offenkundig vermeiden, dass der Skandal zum Mittelpunkt seines Besuchs werden würde.

Der Skandal hat Amerikas katholische Kirche tief erschüttert. Mehr als 4000 Priester sollen sich zwischen 1950 und 2002 an Kindern und Jugendlichen vergangen haben - rund vier Prozent aller Geistlichen. Immer wieder waren in dieser Zeit Missbrauchsfälle bekannt geworden. Sie wurden vertuscht. Inzwischen musste die Kirche mehr als zwei Milliarden Dollar an Entschädigungen zahlen.

Die Forderungen der Geschädigten trieben fünf Diözesen in den Bankrott. Und kaum abzuschätzen ist, wie sehr die Glaubwürdigkeit der Kirche gelitten hat, die über Jahrzehnte die Täter schonte und die Opfer vernachlässigte. Es wird erwartet, dass Benedikt sein tiefes Bedauern ausdrücken wird. Ein Treffen mit Opfern steht allerdings nicht auf dem offiziellen Besuchsprogramm.